Was ist das eigentlich, Stolz?

Es ist nicht nur wieder die Zeit der Nationalflaggenmeere, es ist auch die Zeit dieses einen Satzes: „Endlich wieder stolz sein können, Deutscher zu sein, ohne gleich wieder als Nazi zu gelten.“ So oder in leicht variierter Form taucht er zu Hauf auf Internetplattformen, in den Medien und privaten Gesprächen auf. Die Aussage bleibt die gleiche: Endlich wieder stolzer Deutscher sein können.
Aber kann man das eigentlich? Stolz auf die eigene Nationallität sein?

    Was ist Stolz?

Auf Wikipedia wird mit Verweis auf Jessica Tracy Stolz ebenso wie „Ärger, Furcht, Traurigkeit, Überraschung und Freude…[als] elementare Emotion, die angeboren und nicht anerzogen ist“ (1) dargestellt. Demnach kann man also ersteinmal nichts gegen das eigene Stolzgefühl tun, das sich in einem breit macht. Allerdings sagt die Feststellung über Stolz als elementares Gefühl nichts über das Objektdes Gefühls aus. Worauf kann man denn stolz sein?
Da hilft der Duden weiter. Ihm zufolge ist Stolz zum einen ein „a. ausgeprägtes, jemandem von Natur mitgegebenes Selbstwertgefühl„, zum anderen auch das „b. Selbstbewusstsein und Freude über einen Besitz, eine [eigene] Leistung“ (2).
Punkt a. sagt im Grunde dasselbe wie Wikipedia, nämlich dass Stolz ein natürliches Gefühl ist. Punkt b. führt aus, worauf sich der Stolz beziehen kann, nämlich auf einen Besitz oder eine Leistung. Warum sollte man auch nicht stolz sein auf den ersten Marathon, bei dem man die Ziellinie erreichte, oder auf das eigene Haus, das man sich erarbeitet hat? Allerdings ist mit dem Besitz-Stolz auch immer ein Stolz auf die eigene Leistung verbunden. Man hat entweder etwas zur Erlangung des Besitzes getan und/oder zur Erhaltung dessen. Wie passt da der Stolz auf die eigene Nationalität rein? Ganz einfach: Gar nicht. Die eigene Nationalität (auch Staatsbürgerschaft) hängt einzig und allein von dem Zufall ab, wo man sich zum Zeitpunkt seiner Geburt befand bzw. welche Nationalität die Eltern haben.

    Stolz auf die eigene Nationalität, Stolz auf die Geschwister und Stolz auf andere

Nennt man in einer derzeit aktuellen Diskussion zum Thema „Stolz sein auf sein Land/Nationalität“ das o.g. Argument, weichen die nationalstolzen Vertreter aus. „Ich bin stolz darauf, in einer Demokratie zu leben“, „Ich bin stolz auf das, was Deutschland erreicht hat nach dem Krieg“, „ich bin stolz auf die Errungenschaften in Wissenschaft, Technik, Medizin, Frieden, etc.pp.“
Klar, die Definition des Duden lässt den Spielraum zu, auf die Leistung anderer Stolz zu sein, in dem er „(eigene)“ in Bezug auf die Leistung einklammert. Trotzdem sollte es sich komisch anfühlen, auf die Leistung anderer Stolz zu sein. „Aber ich bin doch auch stolz auf meinen Sohn oder meine Schwester! Das ist doch mal total normal!“ Tja, warum bin ich stolzer auf meine Schwester, wenn sie ihr Abitur schafft, als auf meine Klassenkameraden meiner Abschlussklasse? Und warum kann ich dieses Stolzgefühl nicht abstellen? Vermutlich, weil die eigene Schwester (oder Tochter) mir näher steht, und, so ekelig das klingen mag, man hat eventuell selbst eine kleine Leistung beigetragen (Nachhilfe, Unterstüzung, Da-Sein, emotionale Verbundenheit, you get the point). Selbst wenn nicht, man hat am Leben dieser Menschen (in der Regel) einen ganz engen Anteil, eine Verbundenheit, die einen an diese Personen anders knüpft als an nicht so engstehende Personen. Die Klassenkameraden sind vielleicht Freunde, aber insgesamt emotional zu weit von einem weg, um auf ihre Leistungen stolz sein zu können. Bevor Leser nun schreien „Aber mein bester Freund steht mir näher als mein Bruder“ – ich bin mir durchaus bewusst, dass die Behauptung provokativ ist. Ich würde beste Freunde in vielen Fällen aber tatsächlich auf eine Stufe mit Geschwistern stellen, da die Emotionalität in dieser Beziehung ähnlich stark ist wie bei einem guten Geschwisterverhältnis. Doch selbst wenn man diesen Aspekt einbezieht, ändert es nichts an der Aussage, dass man für Menschen, die einem nicht so nahe stehen, nicht das gleiche bzw. gar kein Stolzgefühl für die gleiche Leistung bei einem emotional näherstehnden Menschen hat. Wenn ich also nicht stolz bin auf meine Freunde, wie also sollte ich dann stolz sein können auf das, was Menschen erreicht haben, denen ich nie begegnet bin, die vielleicht lange vor mir gelebt und gewirkt haben? Wieso sollte ich stolz auf deren Leistung sein? Sicher, ich bin in vielen Fällen vermutlich froh über das, was sie geschaffen, entdeckt und entwickelt haben, in manchen Situationen freut es mich auch. Aber das ist kein Stolz. Stolz kann man nur auf etwas sein, das man selbst geschaffen oder geschafft hat oder etwas, an dem man Anteil dran hat. Dazu gehören NICHT Nationalität (Zufall), Leben in einer Demokratie (ebenfalls Zufall), Errungenschaften anderer Menschen. Stolz impliziert eigenen Anteil am Geschaffenem, aber keiner der heute Lebenden hat diese Nation oder eine andere geschaffen, das waren andere Menschen.
„Aber ich bin stolz darauf, ein kleines Rädchen im Getriebe dieses Landes zu sein.“ …ehrlich gesagt, fällt mir dazu nichts mehr ein… Ich persönlich könnte mich nicht damit zufrieden geben, „ein kleines Rädchen“ zu sein.

    Stolz auf Deutschland… wirklich?

Noch etwas zu „Ich bin stolz zu den Errungenschaften meines Landes, was seit dem Krieg geschafft wurde, was mein Land tut.“ Zum einen müsste man als Nationalstolzer mit dieser Begründung stolz auf alles sein, wenn man die Geschichte mit einbezieht. Aber auch wenn man die 30r und 40er des vergangenen Jahrhunderts außenvorlässt, sind diese Errungenschaften nicht immer so blütenrein.
Deutschland ist einer der führenden Entwickler für Kriegswaffen. Stolz darauf sein, dass damit Kriege geführt und Menschen getötet werden, Kinder lange Zeit nichts außer Krieg und Hunger kennen?
Auch Deutschland verstößt gegen Menschenrechte, man schaue sich nur die Asylpolitik an. Das Asylverfahren wird verschärft, was zu weniger Asylbewilligungen führt – und das von einer der reichsten Nationen Europas!
Deutsche Politiker sind ebenso an Macht und Wohlstand interessiert wie die Politiker anderer Nationen, sie handeln angeblich „im Namen des Volkes“, handeln im endeffekt aber dagegen.

Liebe Nationalstolzen, wollt ihr wirklich uni sono brüllen, wie uneingeschränkt stolz ihr seid auf euer verdammtes Land?

Zum Abschluss ein Gedicht von George Ghannam

STOLZ
Stolz seid ihr
auf eure Flagge
Ihr wollt sie überall aufhängen;
für sie habt ihr
alles getan:
Menschen getötet,
Häuser und Städte zerstört,
Wälder in Asche verwandelt.
Ihr seid stolz
auf eure Flagge,
die mit Blut verschmiert ist,
Die Flagge weht,
aber ihr seid tot.
Stolz seid ihr
auf eure Flagge.

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(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Stolz
(2) http://www.duden.de/rechtschreibung/Stolz#Bedeutungb

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