Society

Party-Nationalismus, Schlaandfahnen und das restliche Drumrum

Es ist wieder soweit. Seit gestern ist mal wieder Fußball-WM, und wie alle zwei Jahre seit der WM 2006 kann man keine 10m gehen, ohne in wie auch immer geartete Deutschland-Fahnen zu rennen. Früher, als Kind, habe ich die WM tatsächlich gern geguckt, später war sie mir egal, jetzt hasse ich sie regelrecht. Warum? Weil ich als gebürtige Deutsche gefälligst für das deutsche Team, für „UNSERE JUNGS!!“ zu sein habe. Weil ich mich überhaupt gefälligst für DAS Event des Jahres zu interessieren habe. Weil ich mich permanent rechtfertigen muss, warum mir die WM am Arsch vorbei geht, und ich wenn überhaupt eher für England wäre, wie früher eben auch. Oder für Neuseeland. Vor allem aber geht mir dieser Party-Patriotismus/Party-Nationalismus gehörig auf den Senkel. „Ich bin stolz Deutsche/r zu sein“ hört man zu keiner anderen Zeit so oft, so inbrünstig aber auch so aggressiv wie zur WM und EM. Und das sehe ich als großes Problem, das gar nicht oft genug betont werden kann.
Lassen wir die Geschichte mal außen vor. Die schwebt eh immer bedeutungsschwanger über allem, ob sie eingeladen ist oder nicht, und da muss ich vorläufig nicht drauf eingehen. Was man aber immer wieder erwähnen muss ist der agressiv vertretene Nationalismus. Persönlich finde ich es durchaus schwierig, stolz auf seinen zufälligen Geburtsort zu sein oder auf gesellschaftliche Errungenschaften, an denen man nicht beteiligt war. Dass man jetzt aber von der Party-Meute rund um die FiFa-Fanfeste, Kneipen und Public Viewing Plätze mehr oder weniger zwangspatriotisiert wird, ist gruselig. Gruseliger sind aber die Reaktionen, wenn man zu verstehen gibt, dass man eben nicht stolz ist und dass man – Oh Gott, Blasphemie! – auch nicht für die deutsche Nationalmannschaft ist:
„Aber du bist doch Deutsche…!“ – Ja, hätte aber auch Dänin werden können. Oder Australierin, das wär auch spaßig gewesen.
„Die reißen sich da für UNS den Arsch auf!“ – Welches Uns? Da zähle ich mich nicht dazu, und mal ganz abgesehen davon habe ich sie nicht drum gebeten.
„Die tun alles dafür, den Ruf Deutschlands in der Welt wieder zu bessern.“ – Und ihr alles dafür, ihn wieder in den Dreck zu ziehen.
„Ich versteh dich nicht. Du hast keine Flagge? Nicht eine ganz kleine Irgendwo? Fühlst du dich denn gar nicht deutch?“ – Ich fühle mich glücklich, müde, verliebt, genervt, stinksauer. Ich fühle mich als Schwester, Partnerin, Freundin mit der man Leichen vergraben kann (z.B. auch Deine). Und ich fühle mich vor allem als Mensch. Dafür brauche ich keine Flagge, ich mache das nicht an einer Nation fest und auch nicht am Erfolg eines Sportteams und erst recht nicht an einem künstlich erzeugtem Wir-Gefühl, bei dem ich permanent brechen will.
Vor allem bedeutet dieses Wir-Gefühl inkl. Flage auch immer ein „Ihr“ oder „Die da“. Ein „Ihr gehört nicht zu uns“. Ein „Die da sind nicht wie wir“. Ein „Das ist eben nicht EUER Land, ihr habt hier nichts zu melden“. Dieses Wir-Gegen-Die-Gefühl fängt spaßig beim gemeinsamen Fußballgucken an, wenn man sich gegenseitig piesackt. Das kann aber auch in Beschimpfungen umschlagen, in Schlägereien und in manchen Fällen sogar in Mord (1). Das hat nichts mit der WM zu tun, sondern ist unter allgemeine Kneipenprügelei zu verbuchen, wie es anscheinend Die Welt und die FAZ gemacht haben? Eine Studie von der Universität Marburg spricht da eine andere Sprache. In dieser Studie wurde der Zusammenhang von Patriotismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit in Verbindung mit der WM 2006 untersucht (2). Man fand heraus, dass „eine starke nationale Bindung an das eigene Land die Ablehnung von ‚Fremden‘ fördert“, und „Auch nach der Fußball-Weltmeisterschaft gehe Nationalismus mit einer Ablehnung von Fremden einher“ (2). Grade zu WM/EM-Zeiten wird das nationale Wir-Gefühl beworben und geschürt, was aber gleichzeitig auch die Abwertung anderer Gruppen oder Nationen inklusiv mit sich bringt – wie auch immer ausgeprägt. Und dieses hohle „Schlaaaand“-Gegröhle und unreflektierte „Aber wir sind doch alle Deutsche, und das sind unsere Jungs“-Gestammel, in Verindung mit einer schwarz-rot-gelben Kriegsbemalung und passender Tarnkleidung, damit man sich besser in die Massen integrieren kann, der Auftrieb von Nationalismus und dem nicht besseren Patriotismus lassen mich innerlich kotzen. Denn all das bedeutet, dass alle Andersdenkenden, auch diejenigen mit deutschen Pass, die nicht für „Jogis Jungs“ sind, als vogelfrei erklärt werden – für Beledigungen, Pöbeleien, tlw. zu Hetzjagden, wenn das falsche Team gewinnt, für in die Ecke drängen und Drohungen, und für rassistische Äußerungen jeglicher Coleur.

„Schland-Auto“, ein fahrender AlbtraumIch werde das Fifa-Fanfest bei mir um die Ecke meiden kann wie der Teufel das Weihwasser und auch alle anderen WM-Partys, und ich weiß jetzt schon, dass ich nicht völlig erfolgreich sein werde. Ich werde garantiert wieder in der U-Bahn sitzen, während der Zugführer das grade erzielte Tor der deutschen Mannschaft durchgibt und der ganze Waggon anfängt zu jubeln und sich zu umarmen – zumindest diejenigen, die mitjubeln. Ich werde bestimmt viele solcher Autos sehen, und solche Perlen von Ironie, die der Klohäuschenbesitzer vermutlich gar nicht merkt sehen. Und ich warte nur darauf, dass in den Geprächen über die aktuellen Spiele wieder rassistische Äußerungen fallen und man sich aufs Deutsch-Sein richtig einen runterholt.

Toiletten am Fischmarkt. Auch hier weht der Nationalstolz für "unsere Jungs". Wenigstens bin ich hier am richtigen Ort zum Brechen
Toiletten am Fischmarkt. Auch hier weht der Nationalstolz für „unsere Jungs“. Wenigstens bin ich hier am richtigen Ort zum Brechen

Na denn man tau.
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1. http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/10/14/wer-hat-hier-was-gegen-pure-lebenslust/
2. http://www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2006/20061213studie/20061213studie

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