Der Frust der Solidarität

Der Frust der Solidarität

Heute ist Gründonnerstag. Vor kurzem war noch angedacht, dass es über Ostern einen halbherzigen Lockdown geben sollte, der dann aber 24 Stunden später wieder zurückgenommen wurde. Dafür hat Brandenburg jetzt eine nächtliche Ausgangssperre beschlossen. Macht aber nichts, wenn man darauf keinen Bock hat, fliegt man eben nach Malle. Man muss sich zwar vor der Heimreise testen lassen, aber hey, Urlaub ist wichtiger.

Seit Monaten wird die Solidarität vieler mit Füßen getreten. Derer, die so gut sie können zu Hause bleiben, auch ohne Risikogruppe im Umfeld, die sich einschränken, keine Freund*innen treffen, Weihnachten alleine verbrachten, nur in Notfällen rausgehen.

Dann kommen die sogenannten „Querdenker“, denen eher jemand quer ins Hirn geschissen hat, melden Demos mit angeblichem Hygienekonzept an, an das sie sich eh nicht halten. Stattdessen machen sie die Polonaise von Blankenese und skandieren, Corona sei vorbei. Wie viele von denjenigen, die auf solchen Demos waren, bekommen Corona bzw. geben es weiter? Röcheln sie auf der Intensivstation dann auch noch, Corona sei vorbei? Das Pflegepersonal ächzt bundesweit aus allen Löchern, aber solche Massendemos werden nicht nur erlaubt, die Maßnahmen scheinen für die Teilnehmer*innen nicht zu gelten. Es ist blanker Hohn für alle, die sich solidarisch verhalten. Nur am Rande: Eine Studie der ZEW Mannheim und der Humboldt-Universität ergab, dass „bis Weihnachten (…) 16.000 bis 21.000 Covid-19-Infektionen [hätten] verhindert werden können, hätten diese Demos nicht stattgefunden.“ Sechzehn- bis Einundzwanzig-fucking-tausend!

Werden die Demos bei Verstößten gegen die Auflagen aufgelöst? Nein. Bekommen die Teilnehmer*innen, die sich nicht an die Auflagen halten, ein Bußgeld, werden überhaupt ihre Personalien aufgenommen? Nein und nochmals nein.

Aber die Jugendlichen, die den ganzen Tag in der Schule aufeinander hocken müssen, an der Alster aber 2cm zu dicht beieinander laufen, denen kann man natürlich die 150€ Bußgeld aufdrücken? Da bestraft man meines Erachtens die Falschen. Letztes Jahr wurde noch oft geschimpft, die „jungen Leute“, also die 16-29-Jährigen, würden heimlich Partys feiern, die Medien zeichneten das Bild einer verantwortungslosen, völlig außer Kontrolle geratenen Generation. Die Realität zwischen Unsicherheit ob der Abschlussprüfungen, Angst um Risikopatienten im engsten Familienkreis, wegfallenden Studijobs und Existenzängsten sah und sieht anders aus. Der Generationenkonflikt und der schon von Sokrates beschworene Vorwurf der Verderbtheit der Jugend nahm letztes Jahr einen neuen Spin: Mitschuld an der Ausbreitung der Pandemie.

Seitenansicht einer jungen Frau mit langen, rotblonden Haaren, schwarzer Mütze und FFP3 Maske. Im hintergrund verschwommen helle Häuser und Fahrräder

Die Schulen waren auf, zu, auf, zu. Die Präsenzpflicht wurde nur zögerlich aufgehoben. Ob und wie Abschlussprüfungen stattfinden sollten, kippte fröhlich hin und her. Kinder und Jugendliche leiden wie jede andere Altersgruppe unter Corona und den Maßnahmen, aber vor allem ihnen wird zusätzlich noch verantwortungsloses Verhalten unterstellt. Kürzlich meinte jemand zu mir, als wir über die Durchsetzung von Corona-Maßnahmen sprachen: „Die sollten sich lieber um die Alkohol trinkenden Jugendlichen kümmern…“ Ehrlich, die Jugendlichen sind echt nicht das Problem, jedenfalls nicht alleine. Nachbar Jens und seine Freundin Annika, die nach wie vor zum Kochabend 6 Leute einladen, sind es mindestens genauso. Ebenso Oma Lotti und Opa Werner, die zu Ostern im Garten eine große Familienfeier schmeißen. Julius und Sabrina, die im ÖPNV die Maske auf dem Kinn tragen und nur kurz hochziehen, wenn Security durch die Wagen geht. Omi Luise, die meint, ein Visier reiche aus. Und von den Querdenker*innen Kalle, Noah und Sarah will ich gar nicht erst anfangen. Sie sind vielleicht nicht die Superspreader (die Querdenker*innen mal ausgenommen), aber mit ihrer unsolidarischen und ignoranten Haltung unterminieren sie das Verhalten anderer. Dieser Typus Mitmensch bekommt in der Regel keine Strafen, und das trägt nicht gerade zum Verständnis für die Pandemiepolitik bei.

Jede*r soll sich im Privatleben einschränken, so, wie eingangs beschrieben. Das machen auch die meisten mit. Aber wenn gleichzeitig Büros aufbleiben und sich Menschen jeden Tag in die Virenschleudern ÖPNV und Großraumbüro begeben müssen, fragt man sich durchaus nach der Prioritätensetzung des Staates.

Wobei, die Antwort haben wir schon längst: klare Wirtschaftsorientierung. Es gibt immer noch keine Testpflicht für Unternehmen, Laschet hat in der letzten MPK gesagt, das sei nicht CDU-Linie. Kann dem Mann bitte jemand sagen, dass er nicht den örtlichen Kegelverein regiert, sondern das bevölkerungsreichste Bundesland? Und dass er als Vorsitzender der Regierungspartei und in seinen Träumen schon Bundeskanzler verdammt noch mal Verantwortung trägt für 83 Millionen Menschen? Aber die arme Wirtschaft darf ja nicht leiden, scheiß drauf, dass Leute Langzeitfolgen haben werden oder sterben. Oder wie Anna es treffend formulierte: „für die schwarze Null sind 70.000 Menschen gestorben.“

Und es zieht sich weiter. Homeoffice ist nach wie vor ein nett gemeinter Ratschlag, aber nicht bindend. Schulen und Kitas sind geöffnet (in vielen Bundesländern ohne Aussetzen der Anwesenheitspflicht). Ich weiß, dass viele Eltern auf die Betreuung ihrer Kinder angewiesen sind, gerade auch wenn sie im Homeoffice sind. Insgesamt gehören die Kitas und Schulen allerdings eben auch zu den größten Virenverteilern. Aber Hauptsache, die Eltern können arbeiten und so ihren Teil zur Wirtschaft beitragen.

Reisewarnung für Mallorca wird aufgehoben, zack gibt es eine Völkerwanderung, die von Fluggesellschaften mit 300 zusätzlichen Flügen belohnt wird. Pflegepersonal? Jaja, wir können ja wieder ein bisschen klatschen. Sind inzwischen ja eh weniger, weil sie das Handtuch warfen, vielleicht reicht dann einmal klatschen zu Ostern. Für ne Minute. Jeder für sich zu Hause. Dass inzwischen immer mehr Pflegekräfte und Ärzt*innen über eine Kündigung nachdenken, weil sie sich verarscht fühlen – geschenkt. Bei einem Twitterthread spielte mal wieder eine unbehelligte Querdenken-Demo eine große Rolle.

Die gesellschaftliche Solidarität ist es, die bisher noch Schlimmeres verhindert hat. Dass eben doch die Mehrheit Masken trägt – und zwar korrekt. Dass inzwischen jede*r zu Hause Handcreme hat, weil vom vielen Händewaschen die Haut ganz trocken ist. Dass sich auch Rentner jenseits der 70 von ihren Familienmitgliedern Skype und Co. erklären lassen, um trotzdem in Kontakt zu bleiben. Dass sich eben so viele einschränken, einfach weil sie wissen, dass es richtig ist.

Es macht mich wütend, und gleichzeitig fühle ich mich so ohnmächtig, wenn ich Querdenker und andere Backpfeifengesichter sehe, Menschen ohne Maske, die mich verhöhnen, weil ich mich an die Hygieneregeln halte. Die Stimmung gegen Impfungen im Allgemeinen und die Covid-Impfstoffe im Besonderen machen. Die eine Scheißegal-Haltung an den Tag legen und sich eben doch zu Partys in kleinen Butzen treffen. Und wenn sie erwischt werden, keine wirklichen Strafen zahlen müssen.

Seitenansicht einer jungen Frau mit langen, rotblonden Haaren, schwarzer Mütze und FFP3 Maske. Im hintergrund verschwommen helle Häuser und Fahrräder Nach mir die Sintflut? Nein. Solidarität ist eine Waffe, eine der friedfertigsten, die wir haben.

Ich bin es leid, ich bin Corona und die ganze Situation so leid. Und ich bin müde. Ich bin ein Mensch, der sehr lange ohne direkte Kontakte auskommt, aber auch ich gehe seit Dezember auf dem Zahnfleisch. Es gibt Tage, da möchte ich nur heulen, alles über Bord werfen und eine riesige Familienfeier veranstalten, denn meine Familie vermisse ich am meisten.

Und das werde ich auch tun – wenn alle geimpft sind.

Bis dahin werde ich weiter Maske tragen und meine Hände waschen und meine Kontakte so gut ich kann einschränken und Abstand halten. Solidarisches Handeln ist das Einzige was hilft, Corona im glitschigen Griff zu halten bis die Impfungen durch sind. Denn auch wenn da Flachzangen wie Querdenker*innen und Ministerpräsidenten mit Egoproblemen auf meiner Solidarität rumtrampeln, Strapazierfähigkeit eben dieser Solidarität ist am Ende des Tages stärker als deren Ignoranz und Egoismus.

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