Vortrag 3.7.2014: Schland in Schwarz-Rot-Gold. Die Normalisierung des Nationalismus

Der Zeckensalon hatte heute zu einem Vortrag von Lena Nehlsen geladen:
Schland in Schwarz-Rot-Gold. Die Normalisierung des Nationalismus
Der erste Teil des Vortrags von Lena beinhaltete einige allgemeine Erklärungen zu Nationalität und Nationwerdung, die für das Verständnis des zweiten Teils, in dem es um die WM 2006, 2014 und Nationalismus ging, die Grundlage bildeten. Diese Aufteilung war vernünftig, denn diejenigen, denen nichts neues gesagt wurde, hatten nochmal ein paar Stichworte vor Augen, und diejenigen, die doch das ein oder andere noch nicht wussten oder bewusst war, waren nun auf einem ähnlichen Wissensstand.
Lena erklärte, dass das Konstrukt von „Nation“ historisch gesehen ein relativ neues Phänomen ist, das erst seit ca. dem 18. Jahrhundert in Erscheinung trete. Dennoch sei es „für die meisten so selbstverständlich ud natürlich wie ein Geschlecht zu haben“, auch eine Nationalität zu besitzen.
Dass Nation ein menschliches Konstrukt ist, sollte jedem klar sein. Grenzen wurden von Menschen gezogen, in Europa vielleicht nicht willkürlich, aber dennoch so, um die einen vom Anderen zu trennen. Laut Lena gibt es Drei Merkmale, mit denen das Anderssein von Menschen, die nicht der eigenen Nationalität angehören, unterstreichen: Rasse, Kultur, Ethnie. Der Begriff „Rasse“ wird nicht mehr genutzt, dafür allerding Kultur und Ethnie. Auch wenn es andere Begriffe sind, beschrieben sie das gleiche, und hinter ihnen stehen die gleichen Mechanismen wie hinter dem Rassismus. Es geht um Ausgrenzung, um rassistische Allgemeinplätze, die man mit „der anderen Kultur“ begründet (Beispiel: „Südländer haben einfach mehr Temperament“, „Afro-Amerikaner haben den Soul im Blut“). Diese Betonung des Anderssein ist laut Lena immer auch eine Objektivierung der Anderen zur Unterstreichung der eigenen Herrschaft bzw. Dominanz.
Die Nationwerdung Deutschlands begründet sich nicht auf einer Revolution von unten, es wurde keine Verfassung vom revoltierenden Volk in Kraft gesetzt, sondern die Nation wurde von oben, von der Monarchie runter auf das Volk oktruiert. Ein wesentlicher Unterschied zwischen bspw. der französischen und deutschen Nation und Staatsbürgerschaft ist z.B. auch, wer das Recht auf die französische bzw. deutsche Staatsbürgerschaft hat. In Frankreich (wie z.B. auch in den USA) hat jeder das Recht auf Einbürgerung, der dort geboren wurde, unabhängig von der Nationalität der Eltern. In Deutschland gilt nach wie vor das Ius Sanguine, das Recht des Blutes. Die Zugehörigkeit zur deutschen Nation oder auch das Recht, sich „Deutscher“ nennen zu können, wird immer noch über die alte biologische (früher: rassische) Herleitung vergeben.
Soviel als Grundlage für die aktuelle Problemlage.
Bis 2006 war die deutsche Nationalflagge bei WM-Spielen zwar durchaus normal, im privaten Bereich allerdings so gut wie nie zu finden. Sie sei den offiziellen, politischen Veranstaltungen vorbehalten gewesen. Als die WM aber schließlich 2006 in Deutschland ausgetragen wurde, änderte sich die Einstellung zum „Flagge-Zeigen“. Nun findet man sie auch in Nachbars Garten das ganze Jahr über, und zu EM- und WM-Zeiten ist die Nationalflagge schon so normal, dass es schon Schönheitsattribute wie Perrücken und Schminke in „Schland“-Farben im Gesicht braucht, um seine Unterstützung auszudrücken. 2006 wurde auch das erste mal der „ungefährliche Partypatriotismus“ vom gefährlichen, gewalttätigen Nationalismus unterschieden. 10447604_775214545842220_1161645935571448693_nTrotzdem grenzen die Partypatriotisten genauso aus wie die bösen Nationalisten, denn bis heute gelten Kritiker am Fahnenmeer als Miesmacher. Lena zeigt in diesem Zusammenhang ein Wahlplakat der AFD (rechts) mit der Aufschrift „Vorsicht: Gutmenschen im Anti-WM-Fieber“.
Das ist eine der vielen Wege, auf denen der Nationalismus normalisiert werden soll. Aber auch über die Werbung (Sixt), vermeintlich witzige Kampagnen von Elektrogroßmärkten („Schlandisierung“, Mediamarkt) oder 10341844_494381140694902_240875863228872630_ngehobene Literatur wie „Schland. Weie der Fußball Deutschland neu erfunden hat“ wird ausgrenzender Nationalismus normalisiert, und zwar in einer Weise, dass er größtenteils öffentlich ohne Angst vor größerer Kritik gepflegt werden kann. Wenn WM-Fans auf ihren neuen, exessiven Nationalismus angesprochen werden, heißt es oft: „Nimm doch den Stock aus dem Arsch, es ist doch nur Fußball.“ Lena sagte in ihrem Vortrag aber sehr treffend:

„Wenn überall Fahnenmeere zu sehen sind, und beim Public Viewing und auf allen Rängen in den Stadien die Nationalhymne gegröhlt und ‚Deutschland, Deutschland‘ skandiert wird, ist es eben nicht mehr nur Fußball, sondern ein politisches Spektakel.“

Im Anschluss an den Vortrag gab es eine rege Diskussion, auch nochmal darauf hingewiesen wurde, dass die 2006 gestartete Kampagne „Du bist Deutschland“ dem Patriotismus und Nationalismus den Weg ebnete. Auch, dass es kaum kritische Berichterstattung gab und gibt, und über Übergriffe nach deutschen WM-Spielen auf Menschen, die in den Augen der Angreifer keine Deutschen oder „Nestbeschmutzer“ waren, in den Mainstreammedien kaum bis gar nicht berichtet wird, trägt maßgeblich zu einer positiven, vor allem unkritischen Einstellung zum Nationalismus bei.
Diskutiert wurde auch, ob Alltagsrassismus und Nationalismus erst jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien, oder ob diese Einstellungen nicht schon sehr viel länger vorherrschten und erst durch die WM 2006 ein Ventil bekamen. Manche der ZuhörerInnen erinnerten sich bspw. daran, dass es auch nach der Wiedervereinigung schon einen starken Nationalismus gab, vor allem mit der Perspektivverschiebung von „Wir sind das Volk“ auf „Wir sind ein Volk“.
Andere Berichteten von ihrer Ohnmacht gegenüber diskussionsresistenten Schland-Anhängern, bei denen einfach keine Argumente ankämen, und dass es oft auch Menschen aus dem eigenen Freundeskreis seien, die sich sonst als links oder sogar links extrem bezeichneten. Im Zuge dieser beiden Themen sprach ein Teilnehmer von den

Gefühlslinken der radikalen Mitte

und jeder wusste, was gemeint war: zum einen von den Freunden, die sich als links bezeichnen, aber vielleicht doch eher in der Mitte anzusiedeln sind. Zum anderen solche, die sich zwar in der Mitte positionieren, sich aber doch sehr link fühlen. Im Endeffekt gab es natürlich keine Patentlösung für den Umgang mit WM-verstrahlten Fans und Freunden, die ihre eigenen nationalen Tendenzen völlig unkritisch sehen und, vor allem bei den selbstgenannten Linken, keinen Anlass zu kritischen Reflektion sehen.
Zum Schluss wurde noch nach Webseiten gefragt, die Übergriffe nach Deutschland-Spielen oder allgemein im Zusammenhang mit der WM dokumentieren. Die folgenden Seiten wurden dabei genannt:
Lichterkarrusell
Schlandwatch (wobei die eher die Auswüchse des Alltagsrassismus und Alltagsnationalismus dokumentieren)
Konkret
und die Donnerstagsausgabe der Djungleworld.
Kann man ja mal nachlesen.
Für alle, denen diese absolut nicht vollständige Zusammenfassung nicht reicht, sei dieser Link ans Herz gelegt: Freie Radios
Es ist eine Tonaufnahme von einem ähnlichen Vortrag Lenas, den sie vor zwei Jahren gehalten hat.
In diesem Sinne: Deutsch Mich Nicht Voll!

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