Die Neue Essstörung

Triggerwarnung: Essstörung

Zu Beginn des neuen Jahrtausends entwickelte sich im Internet eine Subkultur, die Essstörungen wie Magersucht und Bulimie glorifiziert: die sog. „Pro Ana“-Bewegung (1). Mitglieder dieser Subkultur argumentieren zwar oft, dass sie in Foren und Blogs schlicht einen Weg anbieten, mit der Krankheit umzugehen und zu leben. Die überwältigende Mehrheit dieser Blogs und Foren ist jedoch vor allem eins: eine Plattform, die selbstzerstörerische Tendenzen, die diese Krankheiten mit sich bringen, ausleben zu können, und sich gegenseitig zu triggern (2).

Die Pro Ana Bewegung, seltener auch „Pro Mia“, stellt Anorexie als eine Freundin dar, als die einzige, die man in der Isolation noch hat. Zur Motivation, weiter zu hungern, die Krankheit weiter vor dem eigenen Umfeld geheim zu halten und immer weitere Wege zur Gewichtsreduktion auszuprobieren, gibt es verschiedene Wege. Es gibt Foren, die nur für Mitglieder einsichtig sind und in denen man sich austauschen kann. Auf den Blogs findet man den „Brief an Ana“, ein Glaubensbekenntnis und andere Texte, die die Bindung zwischen der erkrankten Person und ihrer Krankheit stärken sollen, zudem Tipps und neue Crashdiäten. Und überall, in Foren, Blogs und Tumblrs, finden sich „Thinspos“, kurz für „Thinspiration“ (3). Es sind Bilder, die Stars, Models und ganz normale Mädchen und junge weiblich gelesene Menschen zeigen, die als besonders hübsch und vor allem dünn betrachtet werden. Sie verkörpern das physische Ideal, das erreicht werden soll – mit allen Mitteln. Tumblr.com, eine der großen Plattformen um Bilder auszutauschen, hat auf diese Verbindung reagiert. Wenn man dort nach dem Tag Thinspo sucht, wird man zunächst auf eine Meldung umgeleitet, die auf die Krankheit hinweist und auch gleich Hilfestellung bietet.

Tumblr Message Thinspo
Diese Nachricht schaltet Tumblr vor die Suchergebnisse von „Thinspo“
ProAna Blogs
Einige Pro Ana Blogs

Die Pro Ana Bewegung wurde bereits mehrfach im Fernsehen, Zeitungen und z.T. auch Büchern thematisiert und so ein Stück in das Bewusstsein der Gesellschaft gerückt. Vielleicht nicht genug, denn die Zahlen der Erkrankung steigen. So wie die Pro Ana Bewegung ein Zerrspiegel der Gesellschaft und ihrem Schönheitsideal zu Beginn des neuen Jahrtausends ist, so spiegelt eine neue Internet-Subkultur das heutige Schönheitsideal wider. Galten in den 2000ern noch sehr schlanke bis dünne Frauen als Schönheitsikonen, reicht das nun nicht mehr. Ganz abgemagert ist ebenso wenig „in“ wie hungern. Der Fokus bei dieser neuen Bewegung liegt auf gesunder Ernährung und vor allem viel Sport. Blogs, die sich diesem Lifestyle widmen, werden „Fitblogs“ genannt. Auf den ersten Blick scheinen diese Fitblogs einen gesunden Lebensstil zu inspirieren und zu unterstützen. Schaut man sie sich genauer an oder verfolgt sie eine Zeit lang wird aber schnell klar, dass sich hinter dieser Fitbewegung die Gefahr einer neuen Essstörung verbirgt, mit dem Unterschied, dass sie dieses Mal in einem vermeintlich gesunden Deckmantel erscheint.

Warum ich diese Bewegung für gefährlich halte? Oder gar für eine neue Form von Essstörung?

Zum einen wäre da die Fixierung auf das Essen. Zwar wird immer wieder betont, dass man ausreichend essen müsse und nicht hungern solle. Vor allem aber geht es darum, hauptsächlich wenn nicht ausschließlich gesunde Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Bratman hat dafür vor einigen Jahren den Begriff der Orthorexie eingeführt, zu Deutsch „richtig essen“. Das von ihm beschriebene Krankheitsbild der krankhaft gesunden Ernährung ist zwar umstritten, da man nicht wisse, wo man die Grenze ziehen soll zwischen Menschen, die sich bewusst gesund ernähren, und jenen, bei denen es krankhafte Ausmaße annimmt. Meiner Meinung nach kann man allerdings dort ansetzen, wenn es Menschen schlecht geht, wenn sie einmal – in ihren Augen – „sündigen“, sie ihr Leben auf diesen „gesunden“ Lebensstil ausrichten, alle Gedanken um Essen und Sport kreisen, und wenig bis gar kein Platz für andere Dinge im (Privat)Leben ist. Denn das ist kein gesunder Umgang mit Essen und Sport mehr.

Zum Essen kommt noch die Fixierung auf Sport und Bewegung hinzu. Das Krankheitsbild von Sportsucht ist schon lange bekannt. Auch bei den „klassisischen“ Essstörungen wird Sport häufig als eine Art Gegenmaßnahme betrieben, sei es, weil aus eigener Sicht zuviel gegessen wurde, oder um weiteren Gewichtsverlust schneller herbeizuführen bzw. Gewichtszunahme zu verhindern. Man kann Menschen nicht vorwerfen, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben und allgemein einen gesunden Lebensstil zu pflegen. Trotzdem muss man es auch kritisch betrachten können, wenn dieser Lebensstil zur Obsession wird.

Zudem zeigt diese neuere Internetbewegung einige Parallelen zu der Pro Ana Bewegung, auch wenn das geleugnet wird. Bei vielen Fitblogs gibt es eine Kalorienanzahl, die wie bei Pro Ana-Blogs im Mittelpunkt steht. Während die bei letzteren in der Regel zwischen 500 und 700kcal schwankt, die man nicht übertreten darf, sprechen Fitblogs von 1200kcal (4), die nicht unterschritten werden dürfen. Theoretisch gesund, aber es wird als eine magische Grenze gehandelt (5).

Fitblogs
Zum Vergleich: Fitblogs auf Tumblr

Außerdem gibt es zwar keine Briefe oder Gebote, die so direkt benannt werden, dafür gibt es Einkaufslisten, was man immer vorrätig haben sollte, statt neuer Hunger-Diäten werden bestimmte Nahrungsmittel als besonders gesund und für den Sport förderlich betrachtet und entsprechend dargestellt. Die vielleicht deutlichste Ähnlichkeit zwischen den beiden Internetsubkulturen ist jedoch der Fotokult. In der Pro Ana-Bewegung sind es die Thinspos von extrem dünnen Mädchen, in der Fit-Bewegung gibt es sog. „Fitspos“. Diese Betitelung ist überdeutlich an die Thinspos angelegt und die Fotos zeigen durchtrainierte, zum Teil auch übertrainierte junge weiblich gelesene Personen. Der Kult um diese Bilder ist in seinen Zügen der gleiche: man lässt sich von den Bildern inspirieren, um nicht zu sagen: man geilt sich förmlich daran auf. Es gibt ganze Blogs voll mit Thinspos bzw. Fitspos, man klickt sich durch und immer weiter und weiter, um sein Ziel des körperlichen Ideals zu festigen und weitere Motivation zu finden.

Dieser neue Fit-Wahn ähnelt in seiner Obsession „klassischen“ Essstörungen zu sehr, als dass man ihn ernsthaft ignorieren könnte. Die krasse Fixierung auf Essen, was gegessen wird, und wie viel. Die ebenso extreme Fokussierung auf den vermeintlich unperfekten Körper, der perfektioniert werden muss. Das schlechte Gewissen, wenn man gesündigt und das falsche oder überhaupt gegessen hat. Der unwiderstehliche Drang, „Gegenmaßnahmen“ zu ergreifen.

Die Fitblogs suggerieren, ein gesunder Verhältnis zum Essen zu fördern. Die Wahrheit ist, dass das nur die wenigsten tun. Die meisten, die ich beobachtet habe, zeigen Züge von essgestörtem Verhalten, und oft genug werden diese Blogs auch von weiblich Gelesenen geführt, die essgestört sind, waren oder sich grade in Therapie befinden.

Nun mag man sagen, dass die oben beschriebenen Verhaltensweisen im Grunde keine schlimmen oder gesundheitsgefährdenden Angewohnheiten sind. Allerdings werden auch die Fitblogs und der dazugehörige Lebensstil mit einer Obsession betrieben, die das Krankhafte daran darstellen können. Da Sport und eine ausgewogene Ernährung allgemein gesund ist, birgt sich dort die Gefahr, dass man diese Obsession nicht als neue Krankheit erkennt. Denn klar, ab wann ist so ein Lebenswandel wirklich krankhaft? Ab wann überschreitet ein Mensch mit seinem Verhalten die Grenzen eines normales Hobbys oder Lebensstiles und entwickelt ein Krankheitsbild? Das ist schwer zu sagen. Ich habe oben einen Anhaltspunkt gegeben. Wenn das ganze Denken nur noch auf die Ernährung und den Sport konzentrieren und im Grunde nichts anderes mehr machen oder essen kann ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn Ernährung und Sport kein Lebensstil mehr sind sondern eine Art Lebensflucht, dann kann man beginnen, den Lebenswandel als krankhaft zu bezeichnen. Die Problematik liegt darin, genau das zu erkennen, sei es bei sich selbst oder im Umfeld.

Take Care of each other!

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(1) Pro Ana: Abkürzung für Pro Anorexia Nervosa, z.Dt.: Pro Magersucht. Der Nebenbegriff Pro Mia ist die Abkürzung für Pro Bulimia Nervosa, z. Dt. Pro Bulimie.

(2) triggern: von engl. To trigger: etwas auslösen. In der Psychologie benutzt als Bezeichnung für etwas, das eine psychische Reaktion auslöst.

(3) Thinspo: Zusammengesetzt aus Thin und Inspiration. Es sind Bilder, die schlanke, dünne oder abgemagerte junge Frauen und Mädchen zeigen. Es können Stars sein oder „das Mädchen von nebenan“, häufig sind es auch Fotos von den Betroffenen selbst. Die Bilder sollen andere zum weiteren Abnehmen motivieren.

(4) 1200 kcal sind eine Art Faustregel. Diese Anzahl sollte ein Mensch mindestens zu sich nehmen, damit die lebenswichtigen Organfunktionen weiter ausgeführt werden können.

(5) Der Vollständigkeit halber soll hier auch nicht unerwähnt bleiben, dass auch andere Kalorienzahlen diskutiert werden. Sprich: der Grundumsatz eines Menschen, was verbraucht das Individuum noch durch seine Arbeit und sein Privatleben, etc., was ein durchaus vernünftiger Ansatz ist, wenn man durch Sport und gesunde Ernährung abnehmen möchte. Doch auch hier zählt das Maß.

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