[Federlesen] Der Preis der Kultur

Vor kurzem fragte Sarah Schückel, Literaturbloggerin auf Studiere nicht dein Leben, ob man 25€ für eine Lesung angemessen fände.


Die Antworten darauf waren vielfältig, aber alle gingen in die gleiche Richtung. Ziemlich viel Geld, käme auf die*den Autor*in an und was noch geboten würde. Die Frage nach der Angemessenheit des Preises zielt nicht auf eine Geiz-ist-geil-Kultur ab, sondern auf die Fairness einer Gesellschaft und ihren einkommensschwachen, vielleicht auch sogenannten bildungsfernen Mitgliedern.
Die Klagen über den angeblichen Untergang der Kultur sind so alt wie es den Feuilleton gibt, vielleicht sogar noch älter. Jugendliche interessierten sich angeblich nicht mehr für Literatur, schon gar nicht die Klassiker oder die sogenannte gehobene Literatur, die bildungsfernen Schichten seien kaum zu erreichen, zumal Netflix ein nicht unbedeutender Player in dem Wettbewerb um die Freizeit der Menschen ist. Doch angesichts der Preise für Lesungen stellt sich die Frage, ob man einkommensschwache Personen überhaupt in den Kulturbetrieb einbinden möchte, oder ob man sich von vorneherein nur an jene wendet die sowieso bereits Interesse haben und sich zudem die Interaktion, das tiefere Eintauchen auch leisten können.

Sind Lesungen nicht nur ein nettes Zusatzangebot?

Literatur und Literaturkultur sind mehr als nur das Buch an sich. Zwar baut sich alles um dieses Kleinod auf, dennoch bedeutet Partizipation im Literaturbereich mehr, als nur den aktuellen Bestseller zu kaufen oder das neueste Werk eines Feuilletonautors. Partizipation bedeutet eben auch, auf Lesungen gehen zu können, die Autorin oder den Autor live zu erleben und die ein oder andere Anekdote zum Schreibprozess zu erfahren. Bei manchen Lesungen, je nach Organisation und Aufbau, können sogar Fragen aus dem Publikum gestellt werden, man kann Fotos mit dem Autor oder der Autorin machen, sich eine Widmung in das eigene Buch schreiben lassen. Was auf einer Lesung passiert, erweitert das Buch und das Lesen um eine Dimension, die man Zuhause alleine nicht erreicht. Es ist ein Miteinander, ein Erleben von Literatur.
Dass dieses Erleben nicht umsonst zu haben ist, ist nicht das Tragische. Dass es für manche unerschwinglich ist, vor allem bei aktuell diskutierten oder bekannteren Autorinnen und Autoren, und sie so von einem nicht unerheblichen Teil der Kultur ausgeschlossen werden, ist es.

Hat man ein Recht auf komplette Partizipation?

Die Preisspanne für Lesungen reichen von gratis bis 50€ und mehr. Doch schon Preise ab 20€ bereiten vielen Bauchschmerzen. Studierende, Hartz-IV-Empfänger*innen, Alleinerziehende, Menschen mit niedrigem Einkommen und weitere Gruppen müssen sich genau überlegen, ob sie das Geld haben – und wenn, ob sie es für eine Lesung ausgeben oder lieber zurücklegen wollen.
Der Hartz IV Stz sieht knapp 40€ monatlich für kulturelle Bedürfnisse vor. Das mag auf den ersten Blick viel klingen, eine Lesung und ein Buch scheinen locker drin zu sein. In der Praxis werden aber eher Lebensmittel davon gekauft oder der Stromabschlag unterstützt (mal ehrlich, 35€ für Strom, von wann sind die Berechnungen? 2012?). Museumsbesuche, Kino oder eben Lesungen? Sorry, stecken im Abendessen. 25€ und mehr für eine Lesung sind damit nicht finanzierbar.
Bereits unter Sarahs Tweet schrieben einige, dass Büchereien, Kirchen und Vereine Lesungen zu günstigen Preisen anböten. Das stimmt, das ist wichtig, und solche günstigen Angebote sollten weiter und mehr gefördert werden. Aber Partizipation meint auch, dass man nicht nur am Rande der Tanzfläche zu Untergroundhits etwas mitwippen darf, sondern auch zu den großen Stars rocken kann, die aktuell Gesprächsthema sind. Das gilt zumindest für eine Gesellschaft, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, und es sollte vor allem in einer Gesellschaft gelten, die eine der reichsten der Welt ist.

Was tun?

Lesungen kosten in der Organisation Geld, und dass man für Autor*innen wie George R.R.Martin, Haruki Murakami oder Marie Kondo mehr für die Lesungen bezahlen muss, ist logisch. Hier müssen Flüge, Unterkunft und Übersetzer gezahlt werden. Auch bei deutschen Autor*innen müssen Anreise und Unterkunft berechnet werden, dazu das Honorar. Autorinnen und Autoren müssen für ihre Arbeit bezahlt werden, das Argument, es sei ja Werbung, ist überheblich. Für ein Konzert zahlen wir auch, und schleudern der Band nicht entgegen, ihr Auftritt sei ja Werbung für das neue Album.
Dennoch muss es Lösungen geben, Lesungen und andere Literaturveranstaltungen für alle erschwinglich zu machen, und die Lesungen von Verlagsseite aus dennoch finanzierbar sind.

Solitickets

Ein Modell, das zum Beispiel das Literaturcamp Hamburg umsetzt, ist die Möglichkeit von unterschiedlichen Preiskategorien. Neben den normalen Preisen gibt es eine ermäßigte Kategorie. Um den Preisunterschied ausgleichen zu können, gibt es das Soli-Ticket. Das kostet so viel mehr, wie sich das ermäßigte von dem normalen Ticket unterscheidet. So können Menschen, die gerade mehr Geld zur Verfügung haben, die ermäßigte Preisklasse ermöglichen. Als viertes bietet das Literaturcamp Hamburg das Sponsorenticket an. Hierbei handelt es sich nicht um ein Sponsorenpaket, sondern um ein Teilnehmerticket, bei dem die oder der Interessierte so viel mehr zahlt wie er möchte, und so die Veranstaltung finanziell unterstützt.
Beim ersten Literaturcamp Hamburg, das letztes Jahr stattfand, hat diese Preispolitik hervorragend funktioniert.

Pay What You Want

Ein anderes Modell ist zum Beispiel in der Hardcore und Punk Szene weit verbreitet: Pay What You Want, ggf. mit Mindestbetrag. Im Gängeviertel in Hamburg, in dem regelmäßig Konzerte stattfinden, zahlt man am Eingang so viel, wie man kann. Das können zwei Euro sein oder 10. Der Grundsatz, dass jede*r an Kultur teilnehmen können soll, ungeachtet des finanziellen Status, zählt hier mehr als der Gewinn, es wird kostendeckend gearbeitet. Bei anderen Konzerten wird eine Preisspanne angegeben: 3€ müssen mindestens sein, um das Konzert zu finanzieren, 5€ wären toll, 8€ grandios. Und die Konzerte tragen sich. Warum? Weil die Besucher*innen das Konzept kennen und akzeptieren, wer mehr zahlen kann, zahlt mehr. Denn alle wissen: es kann auch mal anders sein und man ist am anderen Ende. Bei den Getränken ist es genauso. Und während manche ihre letzten 70 Cent für ein Bier zusammenkratzen, zahlt der nächste einfach mal 3€ für eine Flasche.

Solche Konzepte lassen sich sicher auch auf Lesungen anwenden, auch auf die der Stars wie Ferdinand von Schirach oder Bela B.
Das nennt sich Solidarität. Funktioniert. Man muss den Menschen nur mehr zutrauen.

3 Kommentare zu „[Federlesen] Der Preis der Kultur“

  1. Durchaus interessantes Thema. Auch gut beleuchtet. Lesungen sind tatsächlich ein problematisches Thema. Zum Einen verdienen AutorInnen in der Regel über Lesungen kein Geld, sondern betrachten diese oftmals als Werbung oder mögliche Plattform für einen Buchverkauf. Als Haupteinahmequelle sieht man bei AutorInnen immer noch den Verkauf der Literatur. Zum Anderen ist das Publikum auch sehr, sehr zurückhaltend in der Bereitschaft für Lesungen zu bezahlen. In der Regel machen Autoren keine Tourneen, und die Besucher übersteigen selten eine überschaubare Zahl. Lesungen können ein Zubrot sein, wenn sich bei den Schreibenden unterhaltende Qualitäten finden, aber das ist eher bei KünstlerInnen aus dem Poetry-Slam Bereichen vorhanden. Bei MusikerInnen ist das etwas anders, hier bricht der Verkauf weg, Streaming ist kein Ersatz, Konzerte scheinen als Ausgleich betrachtet zu werden (deswegen haben sich in den letzten Jahren die Ticketpreise exorbitant erhöht). Insofern vermute ich, dass Konzepte aus dem einen Bereich nicht übertragbar sind. Persönlich sehe ich 25 Euro (egal ob man das am Aufwand oder an dem Vermögen der BesucherInnen rechnet) als zu hoch an, denn die Mehrzahl der Menschen, die ich kenne, besuchen eine überschaubare Anzahl Events im Jahr und bei dieser Preiskategorie beginnen die Zweifel. Was gerne vergessen wird, dass ist, das auf beiden Seiten (bei den KünstlerInnen, aber auch beim Publikum) ein logistischer Aufwand für die Teilnahme an einem Event notwendig ist. Und sei es nur die Anfahrt, aber auch Babysitting etc. Kurz gesagt, wer 25 Euro pro Kopf verdienen möchte, muss sich anstrengen, damit es keine negativen Auswirkungen auf den weiteren Werdegang der Karriere hat. Der Anspruch dürfte hoch sein.

  2. Huhu 🙂
    Das ist ein toller Beitrag!
    Über dieses Thema habe ich auch schon das ein oder andere Mal nachgedacht, nicht nur in Bezug auf Lesungen, sondern auch andere kulturelle Veranstaltungen. Das Pay What You Want Prinzip finde ich eigentlich ziemlich cool, schließlich kann da jeder so viel geben wie er kann und will. Gerade bei großen und/oder internationalen Autor*innen müsste da dann ein Mindestbetrag gesetzt werden, schließlich soll am Schluss niemand auf den Kosten sitzenbleiben. Aber an sich finde ich die Idee wirklich super! Genau wie die Solitickets auch. Solche Dinge sind super! 🙂
    Liebe Grüße
    Kat 🙂

  3. Mehr praktische Soli überall! Sehr schön, dass du hier ein Beispiel gewählt hast, um das sich oft gestritten wird – weil niemand den Menschen dann zutraut, auch mal mehr zu geben. Aber klappt halt unter coolen Menschen und unter denen, die sich daran gewöhnt haben – und bis dahin sind Mindestpreise und der Aufruf zur Soli zumindest ein guter Anfang.
    Ich wünschte, es wäre üblicher und weiter verbreitet!

    Daher vielen Dank für diesen Artikel!

    Viele Grüße
    Anna

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