Warum ich selten queere Bücher lese

Warum ich selten queere Bücher lese

Immer wieder bekomme ich Literaturtipps von Freund*innen mit dem Hinweis “Mari, das Buch wird dir gefallen, es ist eine queere Liebesgeschichte/Coming-Out-Drama/Queeres Leben!” Meistens winke ich müde ab und hake es ab unter ferner liefen. Warum?

Während ich es gut finde, dass es immer mehr queere Literatur gibt und das Literaturangebot in dieser Hinsicht breiter wird, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele dieser Geschichten mit queeren Charakteren eher dem Cis-Hetero-Gaze und vor allem einer “Trendanalyse” geschuldet sind. LGBTIQA* Themen werden immer prominenter, einfach weil wir als Community immer mehr Sichtbarkeit einfordern. Die Nachfrage nach queerer Literatur, die man nicht im Internet oder mit der Lupe im Buchhandel suchen muss, ist in den letzten Jahren gestiegen. Vor allem nach Own Voices, sprich: Bücher von Menschen, die selbst die Realität ihrer Charaktere kennen. Der Literaturbetrieb kam dem nach. Nicht, weil die Verlage auf einmal ihr liebendes Herz für queere Menschen und Geschichten entdeckt haben, sondern weil jetzt ein Markt dafür vorhanden ist.

Also werden jetzt vermehrt Bücher zu queeren Themen veröffentlicht. Das ist fantastisch, denn wir alle wissen, wie wichtig Repräsentation und Identifizierungsmöglichkeiten sind. Die Programme der Verlage dürfen diesen Bereich auch gerne weiter ausbauen.

regenbogen in "dreckigen" Farben

“Aber Mari, was ist denn jetzt dein Problem?”

Mein Problem ist, dass in den Büchern oft nur ein queerer Charakter vorkommt, bei einer Liebesgeschichte vielleicht noch ein zweiter. Die restlichen Charaktere sind in der Regel durch die Bank weg allo, cis, hetero, weiß, abled, neurotypisch. Die typische Normativität eben. Das hinterlässt bei mir den Beigeschmack eines Exotischen. Es werden also queere Geschichten verlegt, aber man möchte trotzdem nicht zu viel Queerness haben – das könnte ja Leser*innen verschrecken. Die Charaktere werden oft über ihre Queerness definiert, andere Themen oder Charakteristika, sprich: alle anderen relevanten Kontexte eines Lebens, bleiben außen vor. 

Mehrfachmarginalisierungen, ein queerer, diverser Freundeskreis scheinen Leser*innen ebenso unrealistisch vorzukommen wie das Einhorn in der Kneipe um die Ecke, wie die nachstehende Rezension zeigt.

Rezension zu “You Make Me Fly” von Murphy Malone

Wenn ich mir aber meinen Freund*innenkreis anschaue, bin ich definitiv nicht die einzige queere Person. Guess what, allo cis hetero Reader, WE GOT FRIENDS! Und wir sind nicht alles Abziehbilder eines einzigen queeren Klischees, wir haben alle individuelle Geschichten und ein – oh Schreck! – Leben. Und wie das Leben von allo, cis, hetero, weiß, abled, neurotypischen Menschen sind auch unsere geprägt von Hochs und Tiefs, von Traumata und Höhenflügen. Manche tragen nur ein Päckchen mit sich, andere tragen so viele, dass es für drei Menschen reicht. 

Aber Erwartungen wie die in der o.g. Rezension sind ein echtes Problem. Es zeigt nämlich, dass man vielleicht gerne “queere Literatur” lesen will, aber offenbar eher aus einer voyeuristischen Sicht. Queerness unter dem Mikroskop, weitere Aspekte bitte nicht fokussieren. 

Eine Hand hält zwei Army-Hundemarken. Eine ist im Regenbogen gestreift, auf der anderen steht Equality

Ich will Charaktere, die ganz normale (oder auch weniger normale) Geschichten erleben dürfen

Warum sollte ich als queere Person Bücher lesen wollen, die Queerness von allen Kontexten isoliert betrachten wollen?1 Ich bin mehr als meine Queerness, mein Leben besteht aus mehr, als mich 24/7 mit ihr zu beschäftigen. Deswegen möchte ich Charaktere lesen, die auch queer sind, aber eben nicht nur

Ich möchte, dass queere Charaktere nicht nur in explizit queerer Literatur und Liebesromanen vorkommen, sondern auch in allen anderen Genres. Ich will sie in Thrillern und Horror, in Fantasy und Science-Fiction, Comics, Dramen und Theaterstücken. Mal als Hauptcharakter, mal als Nebencharaktere. So gestreut wie im echten Leben auch. Und es gibt diese Bücher schon. Bücher, in denen diverse Charaktere vorkommen, die mehrfachmarginalisiert sind, die queere Freund*innen haben, in denen Behinderung genauso natürlich eingewoben wird wie alle anderen Aspekte eines Lebens und einer Gesellschaft auch. Aber im Vergleich zur Masse an Büchern, die veröffentlicht werden, sind es immer noch wenige, und sie werden von den Büchern begraben, die Queerness eben doch exotisieren (evtl. anderes Wort finden). 

Vielleicht tue ich sehr vielen Büchern Unrecht, aber ich bin inzwischen schlicht vorsichtig geworden. Vor allem aber möchte ich nicht das Genre wechseln müssen, um queere Charaktere lesen zu müssen. Ich möchte sie in allen Genres sehen, auch in meinen Lieblingsgenres. Nicht nur in zwei, drei. 


1 Ebenso nervig ist übrigens das andere Extrem: es wird eingeworfen, Charakter X sei queer – und dann spielt es für den weiteren Handlungsverlauf oder Nebenschauplätzen (z.B. das Frotzeln unter Kolleg*innen oder in Gesprächen mit Freund*innen) keine Rolle mehr. Es wird nicht nochmal erwähnt oder gezeigt oder anders eingebunden, und wirkt dadurch wie ein schluriger Nachtrag, weil queere Charaktere jetzt “sein müssen”. Ich nenne es die Dumbledore-Strategie. In keinem der sieben Bücher der Harry-Potter-Reihe kam jemals das Thema auf, Dumbledore könnte homosexuell gewesen sein. Das wurde von unser aller Lieblings-TERF J.K. Rowling Jahre später als spicy Detail auf Twitter nachgeworfen. Impact in den Geschichten und Repräsentation? Fehlanzeige. Meine Queerness ist aber kein nachträglicher Gedanke, um eine Geschichte etwas aufzupeppen. 

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