[Sturmkrähe] Wir sind alle mutig!

Ende Juli bekam ich von jemandem eine Mail. Ich habe mich mit dieser Person, nennen wir sie der Einfachheit halber Sina, immer mal wieder über Vergewaltigung und Missbrauch unterhalten, wenn ich gerade einen Artikel geschrieben oder ein Bild in die Instagramsphäre geworfen habe. Ich hatte ihr nach meinem ersten großen Artikel 2018 geschrieben, dass ich vielleicht doch plane, ein Buch zu schreiben. Ein paar Monate später wollte ich es tatsächlich angehen, unter anderem sollen auch Berichte von Betroffenen integriert werden. Ich schrieb Sina an – und bekam darauf nie eine Antwort.
Ich dachte mir nichts dabei, es gehört schon was dazu, jemandem einen seiner schlimmsten Albträume zu berichten, die Monster wieder zu rufen, und Wochen später sprachen wir über andere Dinge.

Die Mail

Ende Juli bekam ich nun eine Mail. Sina hat mir vorher auf Instagram geschrieben, dass sie das vorhat, ich war verwundert, aber wartete auf das vertraute Plöng meines Emailprogramms. Und dann kam die Mail. Ich will nicht wiedergeben, was sie mir alles geschrieben hat, es war eine schöne, eine traurige, eine ehrliche Mail, aber eins muss ich dennoch aus den Buchstaben herauslösen und darüber sprechen. Oder besser schreiben.

Sina schrieb, ich erscheine ihr so unglaublich mutig, und dass sie mich deswegen manchmal nicht möge. Dass sie manchmal zu mir hochblicke und sich fragt, warum sie das nicht könne, mutig und stark sein.
Sina, du hast da etwas missverstanden.

An meine Fellow Survivors

Nur weil ihr nicht wie ich durch die Gegend pöbelt, wenn irgendein Vollpfosten wieder zu viel Lack gesoffen hat, weil irgendwelche Kackbratzen im Rudel durch meine Twittertimeline trampeln und meinen, wenn ein Kondom benutzt wurde, sei eine Vergewaltigung keine Vergewaltigung, seid ihr nicht weniger mutig.

Ich pöbele, weil ich weiß, dass ich es kann. Ernsthaft, ich habe ein Organ, mit dem ich locker ein Fußballstadion beschallen kann – ohne Mikro. Ich weiß, dass ich das kann, weil ich aufgefangen werde, wenn es doch zu viel wird. Ich weiß, dass ich das kann, weil ich schon immer so war.

Das heißt nicht, dass ich deswegen sonderlich mutig oder stark bin. Es heißt nur, dass ich nicht aus meiner Haut kann.
Das heißt nicht, dass ihr nicht mutig oder nicht stark seid. Ganz im Gegenteil.

Ihr atmet von Tag zu Nacht zu Tag, ihr atmet weiter. Und auch wenn die Monster wieder Zirkel um euer Bett drehen und ihr wieder nicht schlafen könnt und die Monster Zirkel in euren Köpfen drehen und ihr nicht schlafen könnt und die Monster Zirkel um euer Herz drehen, ihr atmet weiter. Auch wenn ihr glaubt, es raubt euch die Luft. Ihr seid. Ihr mögt gezeichnet sein durch das, was euch widerfahren ist, aber das tragen zu können, mit allen Narben, ist eine besondere Art von Stärke, die jedem Survivor gegeben ist.

Manche Survivors verlieren ihr Leben im Kampf gegen die Monster. Das heißt nicht, dass sie weniger mutig oder weniger stark waren. Es bedeutet nur, dass die verdammten Monster stärker waren. Manchmal gewinnen sie eben doch.

Und trotzdem stellt ihr euch den Monstern immer und immer wieder, denn wir wissen doch alle, auch wenn sie verschwunden scheinen, sie können jederzeit aus irgendeiner Ritze kriechen. Und sich diesen Monstern wieder und wieder zu stellen, allein, mit Freunden, mit professioneller Hilfe, mit Medikamenten, mit allem, was ihr habt – das ist mutig! Auch im Stillen, auch wenn ihr es keinem verratet, auch wenn ihr eure Albträume in eurem Innersten wegschließt.

Ich bin nicht mutig oder stark, weil ich laut bin.
Ich bin mutig und stark, weil ich die Monster nicht gewinnen lassen will.
Ich bin nicht mutiger oder stärker als ihr oder andere.
Ich bin nur lauter als manche.

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