[Rezension] Matthias Heine – Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht

Titel: Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht | Autor: Matthias Heine | Verlag: Duden

Sprache ist etwas wunderbares. Sie ist ständig im Wandel, entwickelt sich weiter, Worte ändern ihre Bedeutung oder Konnotation, und oftmals kommt es immer auf den Kontext an, ob die Verwendung eines Wortes oder Redewendung angebracht ist oder einen Streit vom Zaun bricht.

Sprache ist mächtig und einflussreich. Mit wenigen Worten kann man jemanden zutiefst verletzen, absichtlich und unabsichtlich, oder eigene Aussagen unbewusst in Kontexte stellen, in denen man sich selbst gar nicht sehen wollte. Oftmals sind Worte und Redewendungen Sprachbeispiele, die man seit frühester Kindheit aufgeschnappt hat und ganz unschuldig verwendet, gar nicht so unschuldig wie gedacht. Und Worte, die man in Verdacht hat, einen ganz üblen Ursprung zu haben, wird unrecht getan. Das gilt für rassistische und antisemitische Sprache, für homo- und transphobe Sprache, für jegliche Sprache, die zur Diskriminierung gedacht ist. Auch im Alltag sollte man also durchaus innehalten und sich bewusst machen, welche Worte man verwendet, in welchen Kontexten etwas beschrieben wird, ob man wirklich ableistische Sprache oder genderdiskriminierende Sprache benötigt, um etwas auszudrücken.

Das gilt übrigens auch für Worte, die ihren Ursprung oder ihre Präsenz in der deutschen Sprache in der Nazizeit haben. Von vielen Begriffen weiß man um ihren Ursprung, manche stehen zu Unrecht unter Verdacht, und bei ganz anderen Worten hätte man niemals die Geburtsstunde zu Zeiten Hitlers vermutet.
„Entartet“ ist klar, oder? „Asozial“? Was ist mit „Bombenwetter“ und „Eintopf“? Matthias Heine hat sich einer ganzen Reihe solcher Wörter angenommen und hat sie etymologisch untersucht.

Ein paar Beispiele aus dem Buch

Asozial wird immer noch gerne in Zeitungen verwendet, um bestimmte Taten oder Lebensweisen als nicht gesellschaftlich kompatibel zu verunglimpfen. Dieses Wort spielte jedoch „eine zentrale und verhängnisvolle Rolle…in der Propaganda gegen Deutsche, die angeblich ihr deutsches Volk schädigten… Die Idee, dass man solche asozialen Elemente nicht nur umerziehen, sondern ausrotten müsste, war gut verbreitet.“ (S. 38) Dieses Wissen sollte man zwar im Geschichtsunterricht mitbekommen haben, aber man vergisst es auch schnell, wenn man sieht, wie geläufig dieses Wort noch ist. Heine attestiert zwar, dass nicht jeder ein Nazi sei, der dieses Wort benutze. Solche Personen bewiesen aber „Gedankenlosigkeit und mangelhafte Geschichtskenntnisse.“

Bombenwetter, dem man sich einen Naziursprung sofort zutrauen würde, gehört dafür „unschuldigen“ Vokabular – es wurde von den Nazis nie benutzt. Es hatte zur Zeit der Bombardierung deutscher Städte einen bitteren, zynischen Beiklang und wurde daher von der Propaganda gemieden. Das Wort selbst ist übrigens schon um 1900 belegt. Bedenkenlose Nutzung ist theoretisch also möglich.

Anders sieht es mit Eintopf aus. Der wurde nämlich von den Nazis ins Leben gerufen im Rahmen der Eintopfsonntage, um statt des Sonntagsessens ein einfaches Gericht aus einem Topf zu essen. Das gesparte Geld sollte Hilfsorganisationen wie dem Winterhilfswerk gespendet werden.
Allerdings ist „Eintopf“ ein Paradebeispiel für Entnazifizierung von Sprache. Es ist inzwischen ein gängiges Essen, und wie Heine erklärt: „…im Gegensatz zu anderen NS-Ausdrücken [ist das Wort] keine Verhüllungs- oder Vorbereitungsvokabel für MOrd, Folter und Vernichtung… Sogar Nazis denken beim Eintopf vermutlich nicht mehr an Hitler – jedenfalls nicht mehr als bei jedem anderen Essen.“ (S. 67)

Spannend ist auch unser Buchstabieralphabet – das sah vor der Machtergreifung der Nazis nämlich noch etwas anders aus. Da hieß es nicht S wie Sigfried, sondern S wie Salomon. Die Nazis haben alle jüdisch aufgefassten Namen wie N wie Nathan und D wie David aus dem Buchstabieralphabet ersetzt. Aber wie auch bei Eintopf gilt hier: diese kleine geschichtliche Begebenheit kennt nahezu keiner, die Buchstabiertafel kann als entnazifiziert gelten und „wer Siegfried sagt, wird dadurch nicht zum Nazi.“

Lohnt sich das Buch?

Insgesamt untersucht Heine über 80 Wörter und Redewendungen, mit dabei auch „Festung Europa“, „Untermensch“ und „innerer Reichsperteitag“.
Nicht nur für den eigenen Sprachgebrauch und dessen Sensibilisierung ist dieses Buch gut geeignet. Es hilft zudem ungemein, die Sprache von AfD, Pegida und anderen rechten Parteien und Organisationen zu entlarven und damit deren Parolen und Forderungen richtig einordnen zu können.

Ein Kommentar zu „[Rezension] Matthias Heine – Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht“

  1. Merke gerade meine Bildungslücken, dass mit der Verwendung von asozial durch die Nazis war bis jetzt fremd. Klingt nach einem interessanten Werk und da es wichtig ist, den Ursprung gewisser Worte zu kennen, werde ich es oben auf meine Wunschliste setzen.

    Liebe Grüße

    Nadine

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