[Sturmkrähe] Das Privileg der Instagramsprüche

Wir haben sie alle schon gesucht, gesehen, geliked, geteilt und oft genug machen sie einen Moment auch schöner: tiefschürfende Sprüche, meistens vor malerischen Landschaften, die einem die wichtigsten Weisheiten des Leben kurz und knapp präsentieren. Yoga für die Seele im Schnelldurchlauf, schließlich haben wir nur die Bahnfahrt zur Arbeit Zeit, um das zu lesen.

Manche von den Sprüchen finde ich seltsam bzw. Finde sie aus unterschiedlichsten Gründen schwierig, meistens hat es was mit meiner antikapitalistischen, arbeitskritischen1 Grundhaltung zu tun. Vor ein paar Tagen geisterte allerdings ein Spruch durch meinen Instafeed, der anscheinend auf mehreren Sprücheseiten veröffentlicht wurde und mir auch in den Insta-Stories entgegen sprang:

“True self-care is not soft baths and chocolate cake. It is making the choice to build a life you don’t need to regularly escape from.”
(Wahre Selbstfürsorge besteht nicht aus Schaumbädern und Schokoladenkuchen. Es bedeutet, sich für ein Leben zu entscheiden, von dem man nicht regelmäßig eine Pause braucht)

Warum ich mit dem Spruch so Schwierigkeiten habe? Er suggeriert, es sei eine Entscheidung, die einzig und allein bei einem selbst liegt, ein gutes, ausgeglichenes, glückliches Leben zu führen – und lässt dabei außer acht, warum so viele Menschen, die Self Care benötigen, sie tatsächlich brauchen.

„Atme einfach mal tief durch“, „Meditieren ist das Beste!“, „Du musst einfach mal zur Ruhe kommen“ – nett gemeinte Glückskekskommentare vom Seitenrand.

Sicher, wenn ich weiß, dass mein sozialer Akku nur für drei soziale Verabredungen pro Woche reicht, ich mir aber 6 auflade, ist das eine Entscheidung, die in meinem Handlungsbereich liegt. Ebenso, ob ich eine Pause von Social Media einlege, weil ich vom Alltagssexismus, Rassismus, Trans- und Homophobie und anderen, wenig denkwürdigen Äußerungen einfach ausgelaugt bin. Solche Entscheidungen sind aus der Not heraus geboren, sie haben nichts mit meinen Wünschen, sondern mit Selbstschutz und Selbsterhaltungstrieb zu tun.

Gravierende Änderungen im Leben vornehmen zu können, ohne (zunächst) Konsequenzen fürchten zu müssen, ist ein Privileg. Mal eben den Job wechseln? Hoffentlich bist du gut ausgebildet und vorzugsweise gut ausgebildet. Auch darauf warten zu können, einen Job zu finden, der möglicht wenig Pendelzeit voraussetzt? Ein Privileg.
Hier alle Zelte abbrechen und einfach in ein anderes Land ziehen? Dank deutschem Pass ein Privileg. Vor allem und besonders, wenn du weiß bist.
Ein Sabbatical nehmen, einfach Reisen? Ein Privileg.

Ein Leben, von dem ich keine Pause bräuchte…

… wäre frei von Diskriminierungen. Frei von gesellschaftlichen Erwartungen wie als Frau Kinder und einen Partner (Heteronormativität is a thing) haben zu müssen. Frei von dem Druck, mich in einem Job aufreiben zu müssen, der mir nicht liegt und der mich krank macht, den ich aber brauche, um ein ansatzweise würdiges Leben zu führen. Frei von dem Druck, einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen.

Das sind alles Dinge, die nicht oder maximal bedingt in meiner Hand liegen. Ich kann mich nicht dafür entscheiden, einfach ein besseres Leben überzustreifen. Sicher, ich kann versuchen, mein Leben angenehmer zu gestalten, was jeder Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten fast intuitiv tut. Aber diese Möglichkeiten sind mal mehr, mal weniger begrenzt, mal mehr, mal weniger einfach umsetzbar. Blubberbäder und Schokokuchen sind da genauso valide wie ein Jobwechsel, solange es hilft. Und manchmal habe ich nicht einmal diese Möglichkeiten.

Mal ganz abgesehen davon, dass wir auf Instagram und anderen Social Media Kanälen die Leute sehen, die “es geschafft haben”, die mit dem Umwerfen ihres Lebens erfolgreich waren und sind. Die tausende fehlgeschlagenen Versuche von Menschen, die sich so ein Leben aufbauen wollten, von dem sie keine Pause brauchen, die sieht man eben nicht. Es ist ein verzerrtes Bild, das uns gezeigt wird und uns beeinflusst. Und das uns noch mehr unter Druck setzt, zu entschleunigen, aber bitte schnell, “richtig” und instagramtauglich.

Entschleunigung? Ja bitte. Ist aber nur richtig gut, wenn es auf Fotos gut in Szene gesetzt werden kann.

Self Care ist individuell

Wahre Selbstfürsorge sieht für jede*n übrigens anders aus, weswegen die Listen im Netz zwar nett gemeint sind, aber mehr eben auch nicht leisten können. Auf nahezu jeder Liste stehen Sport, Yoga und Meditation. Alles Dinge, die meinen Stresspegel anschwellen lassen wie eine Gletscherschmelze. Dem nächsten helfen Tipps wie lesen und Tagebuch schreiben null weiter. Und einer an Magersucht erkrankten Person wird “Kochen Sie sich einfach mal etwas richtig leckeres” in die nächste Krise schießen.

Lasst euch nicht von irgendwelchen Sprüchen im Internet vorschreiben, wie eure Self Care auszusehen hat. Auch nicht, wenn sie von eurer Lieblingsinfluencerin kommen. Auch nicht von tollen Artikeln im Internet.
Auch nicht von mir.

Take care.


1Damit meine ich nicht, dass ich arbeitsscheu bin. Ich sehe diese Fokussierung auf Arbeit als primären, lebenssinnstiftenden Inhalt sehr kritisch. Aber das führt hier zu weit.
Fotos gefunden auf Unsplash.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.