[Rezension] Jagoda Marinic – Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land

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Danke für das Rezensionsexemplar

Titel: Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land | Autorin: Jagoda Marinic | Verlag: Fischer

Triggerwarnung: binäre, transexkludierende Sprache; binäres Geschlechtsmodell; Rassismus; #metoo;

Worum geht’s?

Die Debatten, die #metoo in Amerika und einigen europäischen Ländern losgetreten hat, gingen und gehen laut Marinic in Deutschland bei weitem nicht weit genug. Die Chance auf Veränderung wurde verschlafen (S.9). Wie wir dennoch aus #metoo lernen können, was dafür getan werden muss, und was ihr sonst noch so durch den Kopf geht, bekommt man auf 124 Seiten erklärt.

Wie war’s?

Dieses Buch macht mich so wütend – aber nicht im besten Sinn.

Wo fange ich nur an? Der von vielen angebrachte Vorwurf von Rasissmus bzw. rassismusunsensibler Sprache wird zwar nur ein einer stelle deutlich Sichtbar (S. 15 unten), ist aber eins von vielen Beispielen von unbedachter, exkludierender und/oder diskrimierender Sprache.

Männer müssen bitte mitreden

Eine These, die sich wie ein schleimiger Faden durch das ganze Buch zieht, ist, dass Männer im neuen Feminismus mitreden müssen, dass man auch ihnen zuhören muss. Nun bedeutet Feminismus für mich zwar nicht die Errichtung eines Matriarchats, sondern u.a. die Gleichstellung aller Geschlechter und ihre Befreiung aus ihren Rollen. Aber zu sagen, dass wir auch Männern zuhören müssen, weil sonst der Feminismus zum scheitern verurteilt ist, verkennt völlig, dass Männer bereits jede Menge Plattformen haben, um sich zu äußern, und sich auch bei feministischen Debatten nicht vornehm zurückhalten und Betroffene über ihre Diskriminierungen sprechen lassen, sondern sich lautstark zu Wort melden.

Männer und #metoo

Ganz besonders wütend machte mich Marinic Forderung, im Rahmen von #metoo auch Männer zu Wort kommen zu lassen. Bevor ich weiter schreibe, möchte ich eins ausdrücklich betonen: von #metoo sind alle Geschlechter betroffen. Frauen, Männer, weiblich und männlich gelesene Personen, enbys, und diesen Betroffenen muss uneingeschränkt zugehört werden, unabhängig vom Geschlecht.
Was Marinic hier jedoch fordert ist, dass cis Männer als eine der größten Tätergruppen bitte mit an den Tisch geholt werden sollen. Weil es ja jede Menge Männer gibt, die andere (cis) Männer, die (cis) Frauen sexualisierte Gewalt antun, nicht cool finden. Die müssen doch mit ins Boot. Man müsse diesen cis Männern mehr Gehör verschaffen, damit sie gegen andere cis Männer vorgehen und sich äußern können.“#Metoo könnte von jetzt an heißen: Männer auch… Doch es gibt sie, die anderen Männer. Es ist Zeit, sie zum Gespräch aufzufordern.” (S. 78)

Lese nur ich in diesem Zitat #notallmen? Auch dieser Subtext zieht sich durch das ganze Buch.
Und klar, geben wir der Gruppe, die die meisten Privilegien in der Gesellschaft hat und maßgeblich an der Unterdrückung von allen nicht cis männlichen Personen beteiligt ist, etwas von unserem hart erstrittenem Rederaum. Ist klar.

Sorry, nein! NEIN! #metoo ist erstmal ein Hashtag, eine Bewegung für Betroffene. Nicht für nicht-Betroffene, auch noch was zum Besten zu geben. Cis Männer in Sachen sexualisierte Gewalt mit an den Tisch zu holen ist eine Sache, denn klar, als größte Tätergruppe muss man mit ihnen sprechen und Verhaltensweisen aufzeigen usw. usf. Aber nicht unter dem Hashtag #metoo, nicht in einem Rahmen, in dem Betroffene endlich zu Wort kommen.

Dass Marinic allgemein nicht ganz begriffen hat, wie sexualisierte Gewalt funktioniert bzw. wen es treffen kann, zeigt sich auch in einem alten Artikel, den sie im Buch abdruckt. Sie schreibt zwar, dass diese Position inzwischen für sie keinen Sinn mehr ergebe (S. 44), trotzdem könne sie vieles stehenlassen in diesem Text (S. 49). U.a. auch diese geistige Fehlzündung: “Bei all den Beschreibungen der Praxis Weinstein konnte ich mich der Frage nicht erwehren, weshalb diese Alphafrauen nicht geil “Stopp!” gesagt haben.” (S. 46)
Was genau sind Alphafrauen? Müssen diese Frauen immer Alpha sein? Und warum glaubt Marinic, dass ein simples Stopp (oder “Nein!”) einen sexuellen Übergriff direkt im Keim erstickt? Wenn dem so wäre, wären die Zahlen und Dunkelziffern sexualisierter Gewalt deutlich kleiner.

Ihre Antwort auf ihre Frage ist, dass “Frauen sich zu oft in der Opferrolle dargestellt gesehen (haben), um in solchen Momenten anders reagieren zu können.” (S. 47) Die Möglichkeit, cis Frauen, und nicht nur diese Betroffene, in Momenten gegen sie gerichteter sexualisierter Gewalt durchaus anders reagieren, es aber schlichtweg irrelevant sind, weil sie in dem Moment körperlich, geistig, situativ unterlegen sind, scheint Marinic gar nicht in den Sinn zu kommen. Menschen – ich weigere mich, hier nur “Frauen” zu schreiben und damit Marinic zu zitieren – denen sexualisierte Gewalt angetan wird, sind eben…naja, mindestens in diesem Moment schwach.

Binäres Geschlechtssystem

Beim lesen des Buches konnte ich mich die ganze Zeit nicht des Eindrucks erwehren, dass Marinic vor allem über und für cis Menschen schreibt. Ich mag da pingelig sein, aber solange nicht im breiten Mainstream angekommen ist, dass “Frauen” alle Frauen bezeichnet, nicht nur cis Frauen, finde ich einen Hinweis darauf, wie der Begriff im folgenden Text/Buch genutzt wird, begrüßenswert. Das wird aber nirgends getan.

Im Kapitel Jenseits der alten Bilder und Fronten räumt Marinic lang und breit den Thesen des Psychoanalytikers Arno Gruen, der sich wohl nachhaltig geprägt hat, Raum ein. Das Problem: Dieser Mann vertritt, vielleicht auch ob seines Alters, ein binäres, heteronormatives Geschlechtssystem. Auch er ist der Meinung, dass Männer und Frauen mehr miteinander reden müssten, damit mehr Empathie möglich sei. “Aus der Liebe zwischen Mann und Frau erwachse letztlich alles: die Liebe zum Kind. Die Bindung des Mannes ans Leben statt an die Zerstörung.”(S. 38). Klingt sehr exkludierend? Moment: “Heute gilt es natürlich auch, dies von den biologischen Geschlechtern zu entkoppel. Es geht um Liebende an sich. Es geht aber auch um die klassischen Rollen von Mann und Frau.”

Schwubbs, nachdem in epischer Breite das heteronormative Bild eines alten Mannes erläutert wurde, erinnert sich Marinic daran, dass das heute in den meisten feministischen Ströumungen gar nicht mehr unkritisch gesehen wird. Also schnell zwei Lieblose Nebensätze eingeschoben, fertig ist “es sind doch alle gemeint!” – nur um dann nochmal auf Binarität zurückzugreifen.

Ich habe nicht das Gefühl, dass Marinic mit ihrem Begriff Frauen tatsächlich alle Frauen und weiblich gelesenen Personen meint. Letztere werden höchstens als Sammelbegriff schwammig irgendwo zwischen geschoben, und so einen exkludierenden Feminismus brauche ich nicht.

Das oben genannte Zitat ist übrigens nicht die einzige Stelle, an der man das Gefühl bekommt, Marinic schiebt noch schnell in einem Wort, in einem kurzen Satz etwas ein, dass im deutschen Feminismus (immer mehr) diskutiert wird, ihr dann kurz vor knapp einfällt und sie dann noch schnell dazwischenschummeln muss, um nicht dafür kritisiert zu werden, etwas vergessen oder unterschlagen zu haben. Dafür, dass sie immer wieder von Geschlechterrollen spricht, die es aufzubrechen gilt, kommt der Begriff “toxische Männlichkeit” erstaunlich spät: auf S. 108.

Fazit

Ich brauche keinen Feminismus, der sich nur an cis Frauen wendet und Männern wieder mehr Sprachräume einräumt, als sie eh schon haben. Ich brauche keinen Feminismus, in denen alle Geschlechter außer cis nur mitgemeint, aber nicht mitgedacht, nicht mit angesprochen werden. Ich brauche keinen Feminismus, der sich modern gibt, aber von der Sprache in den 80ern oder 90ern stecken geblieben ist. Ich brauche keinen Feminismus, der apologetisch #notallmen vor sich herträgt.

Dieses ganze Buch ist ein Trauerspiel. Marinic versucht apologetische Positionen als modernen, fortschrittlichen Feminismus zu verkaufen. Sind sie aber nicht. Dieses Buch kann man getrost auf den Müllhaufen der überholten (weißen)(Cis-)Feminismen werfen.

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