[Rezension] Markert, Moser, Scheuerlein – Fluchtatlas

Jede Sekunde fliehen zwei Menschen

Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht, manche innerhalb ihres Landes, manche verlassen ihre Heimat ganz. Die Gründe für eine Flucht sind unterschiedlich. Politische oder religiöse Verfolgung, Flucht vor der eigenen Familie, Krieg, Armut, Hunger. Eins ist die Flucht aber immer: gefährlich, lebensgefährlich. Es müssen Wüsten und Meere überquert werden, es lauern Hunger und Durst, Schlepper und Menschenhändler. Und auch wenn man endlich ein sicheres Land erreicht hat, ist man nicht automatisch sicher oder kann sich sofort ein neues Leben in Freiheit aufbauen. Viele Kinder verbringen ihre gesamte Kindheit in Flüchtlingslagern oder Flüchtlingsheimen, Erwachsene warten oft Jahre in nagender Ungewissheit, ob sie endlich offiziell bleiben und leben dürfen.

Die meisten Flüchtlinge, die illegal nach Europa einreisen, fliehen vor Armut, Verfolgung und Krieg. So wie es Millionen Deutsche einst auch getan haben. (S. 40)
1944-1950 flohen 14 Millionen Deutsche aus ihrem Land, 2015 stellten 441.899 Flüchtlingen einen Asylantrag. (S. 18-19)

Der Fluchtatlas von Laura Markert, Yvonne Moser und Lilli Scheuerlein ist in drei Teile aufgeteilt und beleuchtet unter „Heimat“, „Flucht“ und „Schutz“ die verschiedenen Aspekte von Flucht: Wer flieht, wie viele fliehen, von wo und wohin, und besonders eindringlich: Warum? Auf Doppelseiten sind Schwarzweißfotos von Flüchtlingen abgebildet, der Grund passt in ein, zwei Sätze. Beispiele gefällig?

„Er hatte eine Familie und war sehr erfolgreich in seinem Beruf. Doch weil er politisch aktiv war, drohte man ihm mit dem Tod, würde er das Land nicht schnellstmöglich verlassen.“

„Als Mitglied einer türkischen Oppositionspartei wurde sie verhaftet, gefangen genommen und gefoltert. Sie wachte mit einem blutigen Knäuel im Mund auf. Man hatte ihr alle Zähne gezogen.“

„Ihr Vater wollte sie auslöschen, weil sie sich gegen den Koran und für die Bibel entschied.“

Das Mittelmeer gilt als das gefährlichste aller Meere uns hat seit Beginn des 21. Jahrhunderts schätzungsweise 31.000 Flüchtlinge das Leben gekostet. (S. 71)

Im Kapitel Flucht wird gezeigt, was Flüchtlinge bei sich tragen wenn sie fliehen oder auch was sie während der Flucht essen und trinken (müssen) um zu überleben. Spoiler: es ist nicht menschenwürdig!
Eine Übersichtskarte von Nordafrika, Mittelmeer, Nahem Osten und Europa zeigt, welche Gefahren wo lauern. Grenzpolizei ist da noch das geringste Übel wenn man erfährt, dass in manchen Gegenden Menschen- und Organhändler unterwegs sind und fliehende Menschen verschleppen. Frauen werden vergewaltigt, Männer mit Elektroschocks und auf anderen Wegen gefoltert, und werden gezwungen mit ihren Familien in der Heimat Kontakt aufzunehmen, um Geld zu erpressen.
Andere Flüchtlinge sterben beim Versuch, über Stacheldrahtzäune zu klettern oder bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Nicht selten sehen sie ihre Freunde und Familienangehörigen, auch ihre eigenen Kinder, ertrinken und werden von Schuldgefühlen geplagt, warum sie noch am Leben sind.

Das ist Warten ohne zu wissen, ob man dort jemals richtig ankommen und weiterleben darf. (S. 114)

Endlich in Europa angekommen heißt es noch lange nicht, dass die Flucht ein Ende hat. Die Dublin-Verordnungen regeln, welches Mitgliedsland für den Flüchtling zuständig ist, und die Länder an den Außengrenzen der EU wie Griechenland und Italien sind wenig zimperlich was Abschiebungen oder direkt das Verhindern der Ankunft von neuen Flüchtlingen angeht. Wenn man doch Deutschland erreicht muss man sich erstmal durch die Bürokratie kämpfen. Flüchtlingsschutz, Asylberechtigung, subsidärer Schutz…Was muss man beantragen? Die Formulare sind schon für Muttersprachler eine Herausforderung. Und da die Mühlen der deutschen Behörden sehr langsam mahlen warten manche Menschen Jahre auf einen Beschluss und wohnen auf engstem Raum in Flüchtlingsheimen. Wenn man sich die Fotos oder auch Dokumentationen anguckt, ist es weniger „leben“ als „vegetieren“. Ein Leben ohne Inhalt außer Warten, ist das ein Leben?

Der Fluchtatlas zeigt über beeindruckende Fotos und Bilder, mit leicht verständlichen Grafiken und nüchternen, aber bewegenden Texten, was Flucht bedeutet. Oft reicht ein Satz, ein Foto, und man möchte weinen.

Wer sich mit dem Thema Flucht beschäftigt, egal ob privat, für die Arbeit oder gar in Schulen und Jugendzentren, kommt am Fluchtatlas nicht vorbei!

Ein Kommentar zu „[Rezension] Markert, Moser, Scheuerlein – Fluchtatlas“

  1. Das Buch hört sich spannend an. Es wäre das perfekte Geschenk für meinen Vater. Meine Großmutter ist damals aus Ostpreußen geflohen und aus dem Grund interessiert sich mein Vater für das Thema.
    Ich fand damals spannend, wie gut die Kommunikation geklappt hat. Es war eine 18 köpfige Familie. Einige im Kriegsdienst über ganz Europa verteilt und doch haben sich alle am Ende der Flucht in einem kleinen Ort auf der Halbinsel Eiderstedt wiedergefunden. Ich finde das faszinierend, wenn man bedenkt, dass es damals noch keine Handy gab.
    Vielen Dank für die Vorstellung, jetzt habe ich ein gutes Geschenk. So unscheinbar wäre mir das Buch nie aufgefallen.
    LG Kerstin

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