#redmylips 2019 – und ich schwieg

Triggerwarnung: Vergewaltigung, Rape Culture

Im April war wieder #redmylips.
Ein Awareness Month für Vergewaltigung und Überlebende einer Vergewaltigung.
Ich habe nichts geschrieben.
Ich wusste nicht, was.
Letztes Jahr habe ich über die Fragen geschrieben, die ich mir nach der Vergewaltigung gestellt habe.
Doch dieses Jahr?
Mein Kopf war leer,
Ich wusste nicht, was ich schreiben soll.
Ich hatte nichts zu sagen.
Nicht zur Rape Culture.
Nichts zu meinen fellow Rape Survivors.
Ich komme mir vor wie eine Verräterin.

Ich

Ein Jahr, nachdem ich meinen Artikel geschrieben habe, geht es mir ziemlich gut. Ich war und bin in Therapie. Ich habe das Glück, dass meine Psyche sehr starke Selbstheilungskräfte hat, dass ich einen Dickschädel habe, der nicht zulässt, dass eine Nacht über mein ganzes Leben bestimmt. Ich habe das Glück, eine Familie und Freund*innen zu haben, die bedingungslos hinter mir stehen, egal, was da kommt. Ich weiß, das hat nicht jede*r.

Und seit dem letzten Artikel ist noch einiges passiert. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen meinen Vergewaltiger eingestellt, und teilte mir in der Begründung mit, ich hätte mich für den Beschuldigten nicht ersichtlich genug gewehrt.
Der Sachbearbeiter bei der Öffentlichen Rechtsauskunft in Hamburg meinte: “Was wäre denn die nächste deutliche Stufe gewesen? Ein Messer im Bauch?” Er und meine Mutter meinten, ich solle mich an die Oberstaatsanwaltschaft wenden.
Das tat ich.
Auch die stellte ein, aber mit einer sehr viel nachvollziehbareren Begründung. Ohne mir die Schuld zuzuweisen.
Ich wusste, dass das passiert.
Die meisten Verfahren wegen Vergewaltigung werden eingestellt.
Es steht meistens Aussage gegen Aussage.
In dubio pro reo.
Einer der wichtigsten Rechtsgrundsätze unseres Justizsystems.
Ein Rechtsgrundsatz, den ich voll und ganz mittrage.
Immer noch.

Ganz ehrlich?
Als der Einstellungsbescheid der Oberstaatsanwaltschaft kam, war ich erleichtert!
Ich war mit meinem Leben schon weiter, ich schmiedete Pläne, hatte Ideen für meine Zukunft, ich war fast wieder “normal”, von gelegentlichen Flashbacks abgesehen. Ich war froh, dem Menschen, der mich vergewaltigt hatte, nicht nochmal gegenübertreten zu müssen, die Nacht nicht nochmal durchleben zu müssen, mich nicht nochmal dem mühsamen Schmerz aussetzen zu müssen.
Ich wollte mit der Nacht abschließen, sie nicht mehr in mein Leben lassen.

Familie

Mein Vater meinte mal “Ich bin jetzt sehr viel offener, interessierter, was das Thema angeht, und sehr viel sensibler. So ist das als Vater einer geschändeten Tochter.”
Geschändet.
Ich wusste, was er meinte.
Aber es fühlte sich trotzdem so an, als wäre ich zur Passivität verdammt.
In der Nacht sprachen wir viel über Selbstbestimmung, und dass ich mein Leben nicht passiv erleben wollte.
Ich habe Glück, so einen Vater zu haben.

Ich habe auch Glück, eine Mutter und eine (minderjährige) Schwester zu haben, die mich in den Tagen und Wochen danach immer daran erinnert haben, wer ich bin und was mich ausmacht. Ich habe bedingungslose Liebe und Unterstützung bekommen.
Meine Mutter ist Krankenschwester im Justizsystem.
Sie war schockiert über die Begründung der Staatsanwaltschaft.
Sie meinte, sie müsse was schreiben, sie könne sonst diesem System, an das sie glaubt und für das sie arbeitet, nicht mehr ins Gesicht sehen.
Sie kam drüber hinweg als ich mit ihr sprach und meinte, dass die meisten Ermittlungen wegen Sexualdelikte eingestellt wurden.
Glücklich war sie trotzdem nicht.

Glück?

Ich konnte sehr lange den Geruch von Oliven nicht ab. Olivenöl war okay, aber wenn jemand Oliven gegessen hatte, konnte es mich triggern.
Ich sprach es in der Therapie an.
Eigentlich stand auf dem Plan, eine Expositionstherapie zu machen.
Letztens unterhielt ich mich mit jemanden, der nach Oliven roch,
Ich dachte noch “Scheiße, Oliven…oh.”
Es passierte…
Nichts.
Diese Wunde war von allein geheilt.
Ich hatte Glück.
Oder vielleicht lag es wieder an den Selbstheilungskräften meiner Psyche.

Ich hasse es zu sagen, ich hatte Glück.
Vergewaltigt zu werden hat nichts mit Glück zu tun.
Es ist eine Erfahrung, auch wenn es das falsche Wort ist, auf die jede*r verzichten kann.
Ich hasse es, von Glück zu reden.
Ich habe eine Psyche, die perfekt zu mir passt und die mir hilft, alles, was mir entgegengeworfen wird, früher oder später zu verarbeiten.
Ich habe eine Familie, die trotz aller Differenzen ohne wenn und aber zu mir hält.
Nicht ein Mitglied hat jemals meine Aussage angezweifelt.

Weder mein Bruder, der ichweißnichtwieviele Verkehrsregeln gebrochen hat, um sofort zu kommen und mich zu begleiten.
Nicht meine Mutter, die ganz hysterisch wurde und dann ganz ruhig und sachlich und sich wie eine Löwenmama vor mich gestellt hat.
Nicht mein Vater, der am Telefon ganz ruhig blieb, den es aber immer noch beschäftigt.
Nicht meine Schwester, die mich einfach in den Arm nahm und mir Kaffee machte und mich in ihrem Bett schlafen ließ, damit ich nicht alleine war, wenn Albträume kamen.
Ist das wirklich Glück?
Oder vielmehr Zusammenhalt, das über Jahre gewachsen ist?

Freunde

Ich habe auch Glück mit meinen Freunden.
Man muss dazu wissen, dass ich u.a. In einer Subkultur zu Hause bin, in der man die Polizei nicht ruft, in der man den Cops nicht traut.
Nicht eine*r war der Meinung, die Polizei hätte nicht involviert werden müssen.
Jede*r meiner Freund*innen war da.
Zum Weinen.
Zum Reden.
Zum Eis essen.
Einfach da.

Warum ich das so betone?
Ich weiß, dass sehr viele Rape Survivors nicht so ein Umfeld haben.
Wo die Familie denkt “Aber der Vergewaltiger ist so ein guter Mensch, sicher übertreibt sie.”
Wo Freunde fragen “Bist du dir sicher?”
Viele Rape Survivors müssen sich erklären, sich rechtfertigen.

Ihr

Wenn dir ein*e Freund*in erzählt, si*er wurde vergewaltigt, frage nicht:
Bist du dir sicher?
Hattest du getrunken?
Hattest du nicht schon vorher mit dem Menschen Sex?
Hattest du etwa DAS an?
Hast du den Menschen sicher nicht ermutigt?

Hört einfach zu!
Wenn eure*r Freund*in das will, nehmt sie*ihn in den Arm.
Geht mit ihr*ihm zur Polizei, zum Arzt, wenn si*er das möchte.
Wenn si*er das nicht möchte, drängt sie nicht.
Seid einfach da.
Seid di*er beste Freund*in, die ihr in dieser Situation sein könnt.
Wenn di*er Betroffene 2 Wochen später doch zur Polizei möchte, sagt nicht “Jetzt ist es zu spät.”
Auch wenn es keine Spuren mehr gibt.
Auch wenn das Verfahren wohl eingestellt wird.
Es ist in dem Moment wichtig für di*en Betroffene*n.
Seid einfach da.
Fragt nach, was di*er Betroffene gerade braucht oder möchte.
Seid einfach da.
Wenn ihr könnt.
Sagt nicht ”Ich würde jetzt das und das machen.”
Auch nicht, wenn ihr selbst Rape Survivors seid.
Es steht euch nicht zu.
Für jede*n ist diese Situation anders.
Niemand reagiert gleich.
Seid einfach da.
Es ist okay, wenn ihr das nicht könnt.
Aber sagt den akut Betroffenen nicht, wie sie zu reagieren und sich zu verhalten haben.

Das ist der erste Schritt, den wir alle gegen die Rape Culture gehen können.

Heute

Heute geht es mir gut.
Die Flashbacks sind quasi nicht mehr da.
Ich kann wieder Oliven riechen.
Sex habe ich eh schon wieder lange.
Ging deswegen #redmylips so an mir vorbei?
Weil sich meine Vergewaltigung so weit weg anfühlt?
Weil ich sie wohl verarbeitet habe?
Ich weiß es nicht.
Ich denke nicht.
Dafür berühren mich Vergewaltigungsberichte zu sehr.
Dafür reagiere ich zu sensibel auf Victim Blaming.
Aber ich bin nicht mehr so verleztlich.
Das sollte eigentlich eine gute Ausgangposition sein, Rape Culture weiter zu bekämpfen.
Und genau das werde ich tun.

2 Kommentare zu „#redmylips 2019 – und ich schwieg“

  1. Liebe Mareike,

    das ist ein ganz wunderbarer Artikel und ich bin so froh, dass du dieses Umfeld hast, mit dem du deine Vergewaltigung besser verarbeiten kannst. Ich finde es gut, dass dein Beitrag zu #redmylips genau so aussieht – weil er die Dinge beim Namen nennt, Mut macht und Hoffnung gibt.

    Liebe Grüße,
    Mona

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