[Projekt] Armut in Deutschland. Wer ist arm?

Armut in Deutschland. Echt jetzt? Uns geht es hier doch verdammt gut! Oder doch nicht? Die paar Obdachlosen zählen ja kaum, und die Hartzer sind einfach nur faul. Wer Arbeit will, bekommt auch Arbeit…
Na, kommt das bekannt vor?

Kann man in Deutschland überhaupt von Armut reden?

Arm ist nicht gleich arm. Wer in Deutschland als arm gilt, schneidet im globalen, direkten Vergleich oft dennoch besser ab als ein großteil der restlichen Welt. Deutschland ist eine reiche Nation mit einem Sozialsystem, das Armut eigentlich verhindern soll. Trotzdem: “Der Vergleich mit der Dritten Welt führt in die Irre. Armut kann nicht ohne Bezug zu den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen definiert werden.”1
Heißt: auch in Deutschland gibt es Armut. Sie wird allerdings nicht als absolute Armut bezeichnet, sondern als relative Armut. Armut ist keine Frage des physischen Überlebens mehr wie in anderen Ländern oder in der Nachkriegszeit, sondern eine Frage des angemessenen Lebens. Was ein angemessenes Leben ist, ist nicht nur Definitionssachen, sondern unterliegt auch einem stetigen Wandel. Schon Adam Smith erkannte 1776, dass Menschen nicht nur das nötigste zum Überleben brauchten, sondern auch entsprechende Mittel, um am gesellschaftlichen Leben zu können und sich nicht schämen zu müssen, in seiner Schrift z.B. Leinenhemd und Schuhwerk. Inzwischen braucht es etwas mehr als Schuhe und Hemd, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Um aktuellen Diskussionen und Debatten folgen und an ihnen teilnehmen zu können braucht man in der Regel einen Fernseher und Internet. Dabei ist es egal, um es um politische Neuigkeiten handelt oder um eine Fernsehserie, über die bei der Arbeit gesprochen wird. Finanzielle und materielle Armut schließt Menschen jedoch vom politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben aus und versagt “allgemein anerkannte Lebenschancen”2, sprich, Armut wirkt sich auch auf (Aus-)Bildungschancen und Bildungsgleichheit aus.3

Wer gilt als arm?

In Deutschland wird die relative Armut in Relation zum sog. Medianeinkommen berechnet. Das Medianeinkommen bezeichnet “das Einkommen derjenigen Person, die genau in der Mitte stünde, wenn sich alle Personen in Deutschland mit ihren Einkommen in einer Reihe aufstellen würden“4, und bietet den Vorteil, “dass extrem hohe und extrem niedrige Einkommen nicht verzerrend wirken, wie das beim Durchschnittseinkommen der Fall ist. …So würde etwa eine Verdoppelung des Einkommens der reichsten Person zwar das Durchschnittseinkommen erhöhen, nicht aber das Medianeinkommen.”4
Wer nun nur 60% des nationalen Medianeinkommens erhält gilt als armutsgefährdet, es ist die sog. Armutsrisikogrenze. Die Armutsgrenze liegt bei 50% des nationalen Nettomedianeinkommens. In Zahlen bedeutet dies: 1064€ monatlich (netto) sind die Armutsrisikogrenze für Alleinlebende, für zusammenlebende Paare mit zwei Kindern unter 14 liegt die Grenze bei 2234€.

Bei der Armuts(risoko)grenze wird nur der materielle Aspekt berücksichtigt, doch auch wenn 1064€ für eine einzelne Person recht komfortabel klingt, werden manche Punkte vernachlässigt. So sind die Lebenshaltungskosten in Städten im Schnitt 6% höher als auf dem Land, für Großstädte wie Hamburg, München oder Köln sind die Mietpreise und Lebenshaltungskosten längst berüchtigt. 1064€ können also in Hamburg einen geringeren Lebensstandard bedeuten als in Flensburg oder Chemnitz. Zudem gibt es auch das West-Ost-Gefälle: Leben in Westdeutschland ist teurer als in Ostdeutschland (7%).10

Daher wird zur Bestimmung von Armut auch die Messung der sog. Materiellen Deprivation, also der materielle Mangel gemessen. Es gibt neun Punkte, wer mindestens vier davon erfüllt ist von materiellem Mangel betroffen:

  • Finanzielles Problem, die Miete oder Rechnungen für Versorgungs­leistungen rechtzeitig zu bezahlen.
  • Finanzielles Problem, die Wohnung angemessen heizen zu können.
  • Finanzielles Problem, unerwartete Aus­gaben in einer bestimmten Höhe aus eigenen finanziellen Mitteln bestreiten zu können.
  • Finanzielles Problem, jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine gleichwertige vegetarische Mahlzeit einnehmen zu können.
  • Finanzielles Problem, jährlich eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen.
  • Fehlen eines Pkw im Haushalt aus finanziellen Gründen.
  • Fehlen einer Wasch­maschine im Haushalt aus finanziellen Gründen.
  • Fehlen eines Farb­fernseh­geräts im Haushalt aus finanziellen Gründen.
  • Fehlen eines Telefons im Haushalt aus finanziellen Gründen.5
Mit löchrigen Shirts rumlaufen? Geht nicht anders, wenn man sich keine neue Kleidung leisten kann.

Das sind die absoluten Basics des angemessenen Lebens. Mal Essen gehen oder eine Nacht feiern gehen ist da noch nicht mit drin, ebensowenig wie Besuche im Kino, Museen oder Konzerten. Dabei gehört essen oder etwas trinken zu nahezu jedem sozialem Treffen, und sei es nur der die Tasse Kaffee im Lieblingscafé. Tatsächlich können “36 Prozent der Einkommensarmen in Deutschland … es sich nicht leisten, auch nur einmal im Monat mit Freunden essen oder etwas trinken zu gehen…”6
Ein anderer Punkt ist Kleidung. So günstig sie hierzulande ist, nicht jeder kann es sich leisten bei Zara oder Esprit einzukaufen. Selbst H&M ist nicht für jeden machbar. Für Klamotten von Kik wird man belächelt, für die Primarktüten läuft man Gefahr, als Unterstützer*in prekärer Arbeitsverhältnisse in den Herstellungsländern abgestempelt zu werden, und manche können sich nicht überwinden, Second Hand zu kaufen (was oft übrigens nicht günstiger ist als neu Gekauftes) oder zur Kleiderkammer zu gehen.

Armut und Entbehrung haben also viele Gesichter, und “Armut oder soziale Ausgrenzung sind bei EU-SILC gemäß EU-Definition dann gegeben, wenn eines oder mehrere der drei Kriterien “Armuts­gefährdung”, “erheb­liche materielle Entbehrung“, “Haushalt mit sehr geringer Erwerbs­beteiligung” vorliegen.”7

Wer ist Gefährdet, was sind die Ursachen?

Die Armutsforschung hat ergeben, dass nicht jede*r gleich gefährdet ist. Die größten Risikogruppen sind Arbeitslose (69,1%), Alleinerziehende (33,7%) und Alleinlebende (33,%1) sowie Menschen mit geringem Bildungsniveau (29,8%). Betroffen sind vor allem Menschen zwischen 18 und 65 (17,3%), und Frauen haben ein höheres Risiko, in Armut zu leben als Männer (17,4% vs. 16,9%)8. Menschen mit Migrationshintergrund haben ebenfalls ein hohes Risiko, in Armut zu leben (z.B. wegen Sprachbarrieren oder strukturellem Rassismus auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt sowie im Bildungssystem).
Weitere Ursachen für Armut können Scheidung oder Kinderreichtum sein (mindestens 3 Kinder)9, aber auch zu geringe Entlohnung. Die Unsicherheit der Arbeitnehmer durch befristete Jobs, oft in Teilzeit oder als Minijob, trägt ebenfalls zum Armutsrisiko bei, da ein plötzlicher Jobverlust wahrscheinlicher ist und das Gehalt natürlich nicht so hoch ist wie bei einem Vollzeitjob.
Es gibt in Deutschland inzwischen zwar den Mindestlohn von 8,50€ Brutto, aber gerade in den Millionenstädten Hamburg, Berlin, Köln und München reicht das nur für das Mindeste, manchmal, eben wenn es keine Vollzeitstellen sind, nicht einmal dafür. Zweitjobs sind nötig oder Aufstockung durch das Amt.

Wie sehen die Folgen aus?

Ursachen und Folgen bilden oft einen Teufelskreis. Vor allem bei der Bildung wird das deutlich, wenn Nachhilfe oder außerschulische Aktivitäten wie Musikunterricht einfach nicht finanzierbar sind. Dies führt zu einem geringqualifizierten Abschluss, dies zu einer Ausbildung mit geringem Gehalt und dies wiederum zu Schwierigkeiten, die eigenen Kinder finanziell auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen.
Zudem fehlt oft der Zugang zum kulturellen Leben wie Literatur, Theater und Musik. Wer aus finanziellen Gründen am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen kann, weil er sich bspw. den Kneipenbesuch nicht leisten kann, läuft Gefahr, sich sozial zurückzuziehen.
Armut ist mehrdimensional. Wirtschaftliche und materielle Armut bedeutet meistens Ausschluss vom politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben sowie die “Versagung allgemein anerkannter Lebenschancen.”11
Die Kaufkraft sinkt und oft erfolgt eine Anhäufung von Schulden. Kredite, die durch plötzlichen Jobverlust oder Scheidung nicht mehr bedient werden können, Rechnungen, die man nicht (mehr) zahlen kann und zu denen Mahnkosten hinzukommen.
Auch Obdachlosigkeit kann eine Folge von Armut oder Überschuldung sein. Plötzlicher Jobverlust, Scham zu den Ämtern zu gehen oder deren langen Bearbeitungszeiten, (psychische) Krankheiten und Abhängigkeiten… Es ist leichter obdachlos zu werden als man denkt. Und dann geht der Teufelskreis erst richtig los. Ohne meldefähige Adresse bearbeiten die Ämter nicht, ohne Leistung der Ämter gibt es keine Wohnung mit meldefähiger Adresse.

Und jetzt?

Natürlich ist auch immer der einzelne Mensch ein wichtiger Faktor. Manche können mit wenig Geld besser umgehen als andere, manche haben weniger Scheu staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, und manche können aus einem minimalen Bildungsangebot das Maximum herausholen. Trotzdem ist das Problem von Armut nicht zu übersehen, denn es betrifft so viele, dass man da nicht mehr von “persönlichen Defiziten” sprechen kann, denen man die Armut zuschreiben kann. Armut ist kein persönliches oder charakterliches Problem, sondern ein sozialstrukturelles. Deswegen muss man auch die Strukturen angehen und verbessern, Probleme und Fehler beheben, und nicht Menschen in Armut zurufen “Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied”, mit anderen Worten “Ihr seid selber Schuld!”
Hilfsangebote wie die Tafel, Kleiderkammer oder Versorgung von Obdachlosen mit Schlafsäcken und Winterkleidung sind wichtig. Allerdings können sie nur die Symptome bearbeiten und lindern. Um das Problem der Armut nachhaltig anzugehen müssen die Strukturen angegangen werden. Angefangen bei der angeblichen Bildungsgleichheit über angemessene Entlohnung und Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt hin zu Möglichkeiten, Menschen aus der Armut herauszuhelfen. Nicht, dass jeder Millionär wird. Aber soweit, dass sich kein Mensch sorgen muss, ob er seinen Kindern noch eine vollwertige Mahlzeit auf den Tisch stellen kann, oder sich zwischen neuen Schuhen oder der Stromrechnung entscheiden muss.


1. Cremer, Georg: Armut in Deutschland. Wer ist arm? Was läuft schief? Wie können wir handeln?, München 2016, S. 19.
2. Informationen zur polit. Bildung: Sozialer Wandel in Deutschland, Berlin 2014, S. 30.
3. Zu diesem Thema wird es noch Artikel und Videos geben.
4. Armut.de; zuletzt abgerufen 14.02.2018.
5. Statistisches Bundesamt; zuletzt abgerufen 14.02.2018.
6. Diekmann, Florian: Die Vermessung der Armut, Spiegel Online 8.11.2017; zuletzt abgerufen 14.02.2018.
7. ; zuletzt abgerufen 14.02.2018.
8. Alle Zahlen von der Bundeszentrale für politische Bildung:
Ausgewählte Armutsgefährdungsquoten; zuletzt abgerufen 14.02.2018
9. Informationen zur polit. Bildung: Sozialer Wandel in Deutschland, Berlin 2014,S.34.
10. Informationen zur polit. Bildung: Sozialer Wandel in Deutschland, Berlin 2014,, S.22.
11. Informationen zur polit. Bildung: Sozialer Wandel in Deutschland, Berlin 2014, S. 30.

4 Kommentare zu „[Projekt] Armut in Deutschland. Wer ist arm?“

  1. Liebe Mareike,
    vielen Dank für diesen Artikel und dem Fakt, das Armut relativ ist. Zum einen, weil Deutschland trotzdem reich ist im Vergleich zu anderen ärmeren Ländern und das es auch abhängig ist vom Ort in Deutschland.
    Ich danke dir auch, dass Chemnitz darin vorkommt, denn meine Heimat ist, was die Lebenserhaltungskosten betrifft, wirklich günstig. Ich kann mir hier Dinge leisten mit meinem Gehalt, was mit dem gleichen Geld in München oder woanders definitiv nicht möglich wäre. Und das weiß ich zu schätzen.
    Ich kann verstehen wie es ist, wenn man als Jugendliche in Armut lebt. Meine Eltern hatten nie viel Geld; Kino, Café, Urlaub, neue Klamotten, all das musste ich mir durch schulische Leistungen verdienen, weil es sich meine Eltern einfach nicht leisten konnten. Auf die Weltprobleme betrachtet, ist das Meckern auf höchstem Niveau, aber, so schreibst du es auch, wird man in Deutschland trotzdem ausgeschlossen, weil man den neusten Film, die neuste Jacke etc. eben nicht besitzt.
    So finde ich auch den Mindestlohn quatsch, der übrigens seit 1.1.2017 bei 8,84€ liegt. Es ist traurig, dass wir einen Mindestlohn festlegen müssen, um arbeitenden Menschen vor der Armut zu schützen, obwohl das mit diesem geringen Lohn auch nicht sonderlich gut klappt, denn viele Mindestlohnempfänger müssen sich trotzdem mit Geld vom Amt aufstocken lassen. Da liegt für mich aber auch nicht Sinn und Zweck der Sache.
    Ich finde es nach wie vor auch traurig, dass Arbeitslosigkeit mit Faulheit und asozialem Verhalten gleichgesetzt wird. Vielleicht gibt es „Hartzer“, die diesem Klischee entsprechen, aber in jeder Bevölkerungsgruppe gibt es schwarze Schafe. Die meisten Arbeitslosen kämpfen jeden Tag dafür wieder ins Berufsleben einzutreten. Eine Freundin versucht es seit 2 Jahren. Natürlich sind da mal Tage dabei, wo sie die Hoffnung verliert und „faul“ auf dem Sofa liegt, weil sie nicht mehr kann. Nicht arbeiten heißt ja auch nicht, dass man sich nicht selbst psychisch unter Druck setzt und sein eigenes Handeln hinterfragt.
    Ich bin auf deine weiteren Beiträge gespannt.
    Liebe Grüße
    Jule

    1. Ahoi Jule!

      Der Mindestlohn wurde auf luxuriöse 8,84€ erhöht? Habe ich gar nicht mitbekommen 😀 Und du hast Recht: dieser Mindestlohn schützt Menschen nicht vor Armut. Bei einer 40-Stunden-Woche bleibt nach allen Abzügen einfach nicht wirklich viel übrig, und um damit in den Großstädten (über)leben zu können braucht es einiges an Geschick und Glück.

      Der vermeintliche Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Faulheit wird leider immer wieder gerne in den Medien reproduziert. Und es ist absolut menschlich, dass man an manchen Tagen auch mal auf der Couch gammelt – egal ob man arbeitssuchend ist oder berufstätig. Dafür muss sich keiner rechtfertigen. Ich drücke deiner Freundin auf jeden Fall die Daumen 🙂

      Cheerio,
      Mareike

  2. Ein wirklich guter Artikel! In meinem Umfeld verstehen immer die wenigsten, dass auch Teilhabe am öffentlichen und sozialen Leben möglich sein sollte – Armut ist nicht nur Schwierigkeit dabei, sich etwas zu Essen leisten zu können. Und gerade die Teufelskreise aus Nachteilen in der Schule, der Notwendigkeit von Nebenjobs bei immer noch zu niedrigen Bafög-Sätzen und einer so immer noch nicht schwindenden Lohnungerechtigkeit bei zu schlechter Bezahlung der für die Gesellschaft wichtigen Berufe werden viel zu selten wirklich angesprochen.
    Danke für diesen Artikel, der hoffentlich so ein paar Menschen erreicht, die ihn sonst nicht gelesen hätten oder die kein offenes Ohr dafür haben!

    1. Hallo Anna!

      Genau das versuche ich auch immer in Gesprächen zu vermitteln wenn das Argument kommt “In Deutschland gibt es gar keine echte Armut!”/”Im Vergleich zu anderen Ländern sind Arme hier reich!!”. Ja, das mag stimmen, aber Teilhabe ist eben auch wichtig, und seinen Kindern kaum ein Geburtstagsgeschenk kaufen oder ein Eis mit Freunden zu gönnen ist eben auch wichtig.

      Viele Grüße,
      Mareike

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