Sturmkrähe

Hätte Europa auch von mir befreit werden müssen?

Heute vor 75 Jahren kapitulierte Nazi-Deutschland vor den Alliierten. Seitdem wird dieser Tag als „Tag der Befreiung Europas von den Nazis“ in ganz Europa gefeiert. In Deutschland wurden auch Gedenktage begangen, aber im Gegensatz zu den Freudenfesten in Italien oder Frankreich war es in Deutschland deutlich ruhiger, bedächtiger, fast schon unter dem Radar. Oftmals geht dieser Tag an der breiten Masse vorbei, es ist halt ein Tag wie jeder andere, trotz Sondersendungen und Thementagen auf den Öffentlich Rechtlichen. Manch einem ist das nicht genug, manch anderer fabuliert gar etwas von einem Trauertag der Deutschen darüber, dass der Krieg verloren wurde. Die Art, wie in Deutschland mit diesem historischen Datum umgegangen wurde,  ist insgesamt nicht angemessen.

Dieses Jahr ist der 8. Mai ein gesetzlicher Feiertag – wenn auch nur in Berlin. Ein klares Zeichen wäre es gewesen, den Tag bundesweit zu einem Feiertag zu erklären. So wird dieses historische Ereignis wieder sang- und klanglos vorbeiziehen. Ob auch hierzulande gefeiert wird, dass die Nazis besiegt wurden? Manche werden es tun. Ich selbst bin unglaublich dankbar dafür, dass die Alliierten Hitlers Deutschland in die Steinzeit zurückgebombt haben. Ich will hier nicht anfangen, zivile Opfer der Bomben gegen Opfer der Nazis aufzurechnen, oder auseinanderdröseln, warum der Spruch „die Alliierten auch nicht so toll waren“ fehl am Platz ist.

Fakt ist: eine andere Sprache verstanden die Nazis nicht. Zum Zeitpunkt der Kapitulation waren etliche Länder unterworfen, Millionen Menschen in den Konzentrationslagern ermordet, auf den Schlachtfeldern gestorben oder auf der Flucht, ganze Kontinente in Angst. Und Nazis, heute wie damals, sind kein Schnupfen, die gehen nicht von alleine wieder weg! Es wäre weiter gegangen. Juden, Sinti und Roma, behinderte Menschen, Oppositionelle, Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, wären weiterhin ermordet worden. Ob nun in den Konzentrations- und Arbeitslagern oder durch die Schnellprozesse wie die Geschwister Scholl.

Hätte Europa auch von mir befreit werden müssen?

Die Befreiung Europas von den Nazis ist ein Tag, den ich feiere, an dem ich mir aber auch wieder bewusst werde, in was meine Vorfahren verwickelt waren. Ich möchte gerne sagen, dass meine Familie im Widerstand war. Es gibt nichts, was darauf hindeutet. Die wenigsten heute lebenden Deutschen mit Vorfahren in Nazi-Deutschland können behaupten, jene hätten damals aktiv den Opfern des Regimes geholfen – auch, wenn sich das viele wünschen.

Dieselben, die gerne Omas Mitgliedschaft im Widerstand herbei fabulieren, behaupten auch von sich, sie würden sich unter den gleichen Umständen eines Nazi-Regimes ganz anders verhalten. Offenerer Widerstand, deutlich Stellung beziehen, Opfer schützen und sie unterstützen. Niemand möchte Mitläufer oder gar Täter sein. Solche Menschen unterschätzen gesellschaftliche Aspekte, politische Unterdrückungsmechanismen und vor allem auch, was Angst anrichten kann. Die Angst um den Job und damit die Existenz, die Angst um Familie und Freunde… Mit dem Abstand von 75 Jahren und dem Wissen von heute lässt sich leicht über Menschen urteilen, in deren Welt, in deren Gesellschaft man nicht gelebt hat. Es lässt sich schnell verurteilen und noch schneller sich selbst ins beste Licht rücken. Ich will die Deutschen von damals nicht in Schutz nehmen. Ich denke aber, eine Neukalibrierung der eigenen Wahrnehmung bezüglich der eigenen Rolle und Reaktion in derselben Situation ist dringend angeraten!

Ich möchte mich nicht gerne als Mitläuferin sehen. Aber wer von euch kann mit dem Brustton der Überzeugung sagen, er hätte den Nazis ins Gesicht gespuckt und sich nicht vor lauter Angst vor Gestapo hinter verschlossenen Türen versteckt?

Tag der Befreiung Europas von den Nazis.

Wurde Europa wirklich befreit? Die Besatzungen wurden beendet, die Konzentrationslager geöffnet, Verantwortliche in den Nürnberger Prozessen verurteilt. Viele wurden jedoch frühzeitig aus der Haft entlassen, dem Nachkriegsdeutschland fehlte es an Beamten, Richtern, Experten in der Wirtschaft. Befreiung von den Nazis? Vielleicht von ihrer Herrschaft. Sie selbst haben bis heute Schlüsselpositionen inne und ziehen sich Nachwuchs heran.

Nazi Demonstration in Rostock AfD-Demonstration in Rostock; Foto: Endstation Rechts

#niewieder

In einem sind sich viele einig: #niewieder. Nie wieder Faschismus, nie wieder Rassismus, nie wieder Krieg. Dass dies noch nur fromme Wünsche sind, wurde in den letzten Jahren immer deutlicher. Rechte Parteien sind in Land- und Bundestag vertreten, der öffentliche Sprachgebrauch nimmt immer häufiger Vokabeln aus dem rechten Spektrum auf, und vom Alltagsrassismus und Antisemitismus will ich gar nicht erst anfangen.

Ein frommer Wunsch und nicht mehr?

Nie wieder Faschismus. Es ist auch deswegen mehr Wunsch als Realität, weil sich die Präsenz der Rechten in der Öffentlichkeit immer weiter normalisiert. Zur Zeit hört man wenig von der AfD. Sie hat nichts zu sagen zu der Krise, den Begleitumständen und den Folgen. Die Medien stürzen sich auf andere Themen. Aber irgendwann wird auch Corona vorüber sein, und die Frage ist, wie wir dann mit Rechten im Bundestag und auf der Straße umgehen wollen.

Die AfD ist derzeit medial kaum sichtbar – und verliert in den Umfragen Prozentpunkte. Ob der Verlust in den Umfragen auf die rückläufige Medienpräsenz zurückzuführen ist, ist auch nicht klar ersichtlich, und die derzeitig immer noch zweistelligen Ergebnisse sind deutlich zu hoch. Dennoch zeigt sich: gibt man Nazis und rechtsoffenen Politikern keine Bühne, keine Talkshow, keine Reichweite, schon werden ihre Thesen und Einwürfe nicht mehr diskutiert. Sie verschwinden, zumindest medial, in der Versenkung.

Das bedeutet weder, dass man über Machenschaften von Rechten und Nazis den Mantel des Schweigens legen sollte, ganz im Gegenteil. Es bedeutet auch nicht, dass man die Augen verschließen darf vor dem Naziproblem, das Deutschland wie viele europäische Länder hat. Aber es ist eine Sache, über Strukturen und Straftaten zu berichten, Augen und Ohren offen zu halten. Es ist eine ganz andere Sache, rechte Meinungen und Thesen in epischer breite quer durch die Medienlandschaft zu diskutieren, sodass sich entsprechende Menschen profilieren und ihre Anhängerschaft vergrößern können.

Ratlosigkeit und Rastlosigkeit

Manche Comebacks sind überflüssig. Nazideutschland hat definitiv keins verdient. Am heutigen Feiertag frage ich mich aber, wie ein solches Comeback verhindert werden kann, wenn überall in Europa rechte Parteien in den Regierungen sitzen und den Diskurs mitbestimmen, und so viele, die munter #niewieder auf ihrem Profilbild stehen haben, mit den Achseln zucken. Ein Naziregime fängt nicht erst mit Ermordungen ganzer Bevölkerungsteile an. Es startet immer mit Normalisierung.

Wie kann ich dem entgegenwirken? Die Frage stelle ich nicht nur mir, sondern vor allem auch jenen, die von sich behaupten, sie hätten sich damals dem Widerstand angeschlossen!

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