[Rezension] Nora Bendzko – Wolfssucht

Titel: Wolfssucht (Affiliate Link) | Autorin: Nora Bendzko | Verlag: epubli | ISBN: 978-3741895784

[Triggerwarnung: Vergewaltigung, Verherrlichung von sexueller Gewalt]

Worum geht’s?

Irina sieht als Kind, wie ihre ältere Schwester von einem Wolfsmenschen zu Tode vergewaltigt wird. Jahre später hat sie die Schuldgefühle immer noch nicht verwunden, und fühlt sich zudem in ihrem Dorf nicht wohl. Ihre Großmutter will sie zudem zwingen, den jungen aber emotionslosen Jäger, den umschwärmtesten Junggesellen des Dorfes, zu heiraten. Als sie ihn schließlich vor dem versammelten Dorf demütigt, indem sie seinen öffentlich vorgetragenen Heiratsantrag abschmettert, und er sie, von der Großmutter eingefädelt, in einem Schuppen fast vergewaltigt, flieht sie in den Wald. Sie will genauso sterben wie ihre Schwester. Sie findet den Wolf, wird vergewaltigt – und am Leben gelassen. Damit nicht genug, Irina schleicht sich jetzt jede Nacht raus, denn sie hat sich in den Wolfsmenschen verliebt.

Und da habe ich aufgehört zu lesen…

Wie war’s?

Eine dunkle Märchenadaption, die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges spielt? Ich war Feuer und Flamme – bis zu der Szene, als Irinas Schwester ermordet wird. Erst dachte ich, dass sie einfach gefressen wird. Erst ein paar Kindle-Seiten später kam raus, dass sie, wie schon andere Mädchen aus dem Dorf, geschändet wurde bis sie tot war. Das war schon recht heftig, aber gut.
Dass Irina beinahe vom neuen Jäger in einem Schuppen vergewaltigt wird, quasi mit Erlaubnis der Großmutter, die der Meinung ist, sie müsse nun endlich heiraten, zumal auch ihre Periode zum ersten Mal eingesetzt hat, vergisst man fast bei den darauffolgenden Szenen.
Irina rennt in den Wald um den Wolf zu finden und so zu sterben wie ihre Schwester. Als sie ihn findet, reißt sie sich die Kleider vom Leib und wirft sich völlig verzweifelt in dessen Arme. Irina wird von dem Wolf vergewaltigt (auch wenn sie sich selbst ausgezogen hat, anders kann man das nicht nennen), aber am Leben gelassen. Und in der darauffolgenden Nacht hört sie ein „herzzereißendes, sehnsüchtiges Heulen“, das sie prompt dazu verleitet, wieder in den Wald zu rennen. Nach einer eher ekeligen Oralsexszene (wir erinnern uns: sie hat noch ihre Tage) und allgemeinem Sex trifft sich Irina jetzt jede Nacht mit dem Wolf, und will auf einmal auch nicht mehr sterben. Denn – ACHTUNG – der Wolfsmensch hat ein Geheimnis, das sie ergründen muss.

Da war es dann endgültig für mich vorbei. So viel Verherrlichung von sexueller Gewalt und typischer YA Tropes hält man im Kopf nicht aus. Vergewaltigung ist hier im Endeffekt einfach nur animalischer Sex, die Protagonistin verliebt sich u.a. deswegen in den Kerl, der sie vergewaltigt hat, und will dann später seine geschundene Seele retten, die ihn zu den Taten treibt die er getan hat. Wohlgemerkt, junge Frauen, die seinen Weg kreuzen, zu Tode zu schänden. Ist klar.

Nichts, aber auch wirklich nichts, kann die Story dieses Buches noch retten. Ich kann es höchstens als Anschauungsmaterial für Seminare zum Thema „Sexuelle Gewalt verherrlichende Bücher“ empfehlen. Jasses.

Edit: Nora Bendzkos Stellungnahme

Nora Bendzko hat sich auf Twitter in die Diskussion um ihr Buch eingeschaltet, auf eine sehr respekt- und verständnisvolle Weise. Ihre Offenheit, über ihr Buch und ihre Beweggründe zu diskutieren sind für mich Anlass genug, ihre Tweets hier zu veröffentlichen (ich habe gesehen, in den Kommentaren hat sie das auch bereits getan) und ihr Raum für Austausch und Diskussion zu geben. Ich werde ein Auge darauf haben, wie diskutiert wird. Wenn es zu persönlich oder gar angreifend gegen eine Person geht (hier geht es um das Buch, nicht die Autorin!), werde ich entsprechend einschreiten und moderieren.

8 Kommentare zu „[Rezension] Nora Bendzko – Wolfssucht“

  1. Hallo liebe, aufgebrachte Krähe!

    Das klingt nach ganz schön viel Vergewaltigung in einem Buch. Vielleicht ist es Satire? (Keine Entschuldigung!!!) Nein ernsthaft. Du hast vollkommen recht, in der heutigen Zeit wird mit diesem Klischee zu schnell um sich geworfen.
    Kann man wirklich alles verzeihen, nur weil „Er ein dunkles Geheimnis hat?“
    Ich denke nicht. Denn sein wir realistisch, würde ich einen Mann vergeben meine Schwester zu Tode vergewaltigt zu haben? Nein sicherlich nicht. Wenn ich schon sterben wollte würde ich mir sicher eine andere Möglichkeit suchen.

    Alles Liebe
    Kani

    1. Moin!
      Ich sehe es ähnlich wie du: ich könnte so einem Mann auch nicht verzeihen, mir scheißegal, was er für eine Kindheit hatte. Auf der anderen Seite hat die Autorin sich bereits geäußert (siehe Artikel), was dem ganzen zwar eine andere Sichtweise gibt, für mich aber den Plot trotzdem nicht besser macht.

      Cheerio,
      Mareike

  2. Hallo Mareike,

    ich finde es gut und richtig, dass du dich für diese Themen einsetzt und andere aufklärst und folge deinem Blog/Account gerne dafür.
    Hier allerdings möchte ich dir auch meine Sicht erzählen, denn ich habe Wolfssucht komplett gelesen und es anders empfunden als du.

    Für mich ist es keine Verherrlichung von Vergewaltigung, es wird immer wieder gesagt, dass der Wolf ein Monster ist für das was er getan hat – und später auch, dass das was sie mit ihm tut abartig ist.
    Sie verliebt sich nicht wirklich. Sie „verliebt“ sich in das Verbotene, die Gefahr und akzeptiert ihre Andersartigkeit (einzige – rothaarige – Überlebende in einem fremden Dorf) auf eine sehr abschreckende Weise und hat irgendwann Mitleid mit dem Wesen, das auch Schuld an ihrem Leid ist, weil sie erkennt, dass auch es leidet, aber Liebe würde ich es nicht nennen…zumindest nicht im traditionellen Sinne…

    Für mich wird einfach die Geschichte eines Mädchens erzählt, dass alles verloren hat und sich in ihrer Andersartigkeit verliert und dafür verurteilt wird bzw. dem Wolfsmenschen, der nie akzeptiert und dadurch erst zu dem Monster geworden ist. (Spoiler: Er wurde von Wölfen großgezogen, nachdem seine Mutter ihn ausgesetzt hatte – er ist das Ergebnis einer Vergewaltigung – und ja, noch eine – und für ihn ist es dadurch „normal“ so zu handeln, wie er es tut, da er es nicht anders kennt. Die Geschichte endet mit ihm tot und ihr auf dem Scheiterhaufen, also definitiv kein Happy End.)

    Du bist eine tolle Aktivistin, ich fürchte nur, dass diese Tätigkeit dich so durch die Vergewaltigung abgeschreckt hat, dass du nur noch das gesehen hast und nicht das „Big Picture“. Das es eben keine Friede-Freude-Eierkuchen Liebesgeschichte ist, sondern es um Leid und (Realitäts)Flucht geht.

    Liebe Grüße
    Anne/Poisonpainter

    1. Moin Anne!
      Mag sein, dass es später im Buch deutlicher wird, wie das Ganze gemeint ist. Bei 60% (sagt mein Kindle) habe ich abgebrochen, und da war das alles andere als klar. Auch so, wie du das weiter schilderst, macht es den Plot nicht besser, in keinster Weise. Auch wenn es für dich nicht „das klassische Verlieben“ ist, kommt es – zumindest in den Anfängen der Treffen – so rüber, und das finde ich eben unglaublich kritisch.
      Übrigens muss man keine Happy-End-Liebesgeschichte schreiben, um Vergewaltigung fragwürdig darzustellen oder als fragwürdiges Plotdevice zu nutzen!

      Danke aber für deinen Kommentar, Betriebsblindheit erkennt man leider selten selbst…

      Cheerio und einen schönen Sonntag,
      Mareike

  3. Hallo Mareike,

    Im ersten Moment habe ich auf das „… Ach, alles nur Spaß, das Buch war super.“ Gewartet. Aber das, war heftig.

    Welche Autoren schreiben denn sowas? Also, ich finde das echt heftig. Dabei fand ich das Cover eigentlich ganz gut. Aber nach deiner Rezension… Yoi, da vergeht einem alles an dem Buch.

    Ich gebe die Recht. Das Buch sollte als Anschauungsmaterial benutzt werden…

    LG Lea

  4. Poisonpainter hat mir mit ein paar Dingen schon sehr aus der Seele gesprochen – hier noch mal, was ich auch auf Twitter geschrieben habe:

    Mir ist es eine Ehre, von crowandkraken zerrissen werden. Ehrlich 🙂

    Bin Fan von deiner aktivistischen Arbeit, von kritischen Diskussionen sowieso. Also bin ich so frei, etwas von meiner Perspektive dazu lassen. Warum „Wolfssucht“ geschrieben wurde, wie es ist.

    Zunächst: Sollte „Wolfssucht“ ungewollt ein paar wunde Punkte in dir berührt haben, möchte ich mich von ganzem Herzen dafür entschuldigen.

    Weiters: THIS IS NOT A LOVESTORY! *kotz*

    Unter dem Genre verkaufe ich nicht und es würde mir nie einfallen. „Wolfssucht“ ist eine Tragödie.

    Es geht um Tod, Schmerz, Gewalt, NIE um Liebe – besonders Todessehnsucht, patriarchalische Gewalt, die Monster, die sie hervorbringt, und wie Frauen unter ihnen zu leiden haben. In den frühen Tagen war es als Horror unterwegs, bis ich auf Dark Fantasy umstieg.

    Dadurch, dass du die weitere Story nicht gelesen hast, kannst du nicht wissen, dass der Wolfsmann tatsächlich – SPOILER! – jemand aus Irinas Familie ist. Das ungewollte Kind einer Vergewaltigung, das als „Wechselbalg“ zum Sterben ausgesetzt und totgeschwiegen wurde.

    Es ging mir um einen Zirkel der Gewalt, der sich über Generationen hinwegzieht und dem man als junge Frau hilflos gegenüberstehen kann – nicht allgemein gemeint, sondern ganz persönlich. ICH stand dem gegenüber. Skandars Vergewaltigungsdrohung durfte ich selbst erleben.

    Zu destruktiven YA-Klischees: Die hasse ich selbst und wollte sie gezielt aufgreifen, vor allem mit Skandar, der in einem YA Love Interest wäre. SPOILER: Er tötet das Monster, den Wolf, wie in „Rotkäppchen“ auch. Am Ende geht aber das ganze Dorf, inklusive Skandar, unter.

    Der Zirkel der Gewalt fordert alle ein, Täter wie Opfer.
    Niemand kann durch ihn gewinnen.

    Ich unterschreibe daher voll und ganz, wenn du sagst, dass die Beziehungen in „Wolfssucht“ gewaltvoll und ungesund sind. Denn das war die Intention. Wenn es „Sehnsucht“ heißt, geht es niemals um das Sehnen nach jemandem – sondern den Wunsch, sich selbst zu zerstören, bevor es andere mit einem tun können. Im Fall von Irina und Wolf mithilfe von jemand anderem.

    Das ist zugegeben sehr hoffnungslos, und etwas, das ich so nicht mehr schreibe.

    Diese Geschichte entstand in einer dunkleren Zeit meines Lebens, in der viele meiner Geschichten tragisch endeten. Das Galgenmärchen „Kindsräuber“ hat ein Happy End und geht auf ganz andere Seiten körperlicher Weiblichkeit durch seine schwangere Protagonistin ein. In meinem kommenden „Hexensold“ wird es um einen Mann gehen, der final den „Zirkel der Gewalt“ hinter sich lässt, nicht akzeptiert, dass das zum Mann-Sein gehören soll.

    Warum ich das alles kommentiere? Weil ich ernsthaft an der Diskussion interessiert bin.

    Trotz meiner Kommis und deiner vernichtenden Kritik bin ich dankbar für dein Bewusstsein-Schaffen. Ich beteilige mich selbst öfter an der Rape-Fiction-Debatte und finde sie sehr wichtig für die Literatur-Szene.

    Von dem her hoffe ich, dass meinen Kommentar einen Mehrwert für die hier Lesenden hat. Ich bin gern zum weiteren Diskutieren bereit, solange es höflich und zivil bleibt. Sollte das bei dem natürlich sehr emotionalen und verletzbaren Thema nicht gehen, ziehe ich mich hier respektvoll auf die dunkle Seite zurück.

    Danke fürs Lesen! ?

    (12/12)

  5. Ich muss gestehen, ich war unsicher ob ich zum lesen rumkommen soll oder nicht – ist doch eben dieses Buch erst vor kurzem bei mir eingezogen … Zunächst möchte ich dir erstmal zustimmen, Hut ab vor Noras Reaktion – ist ja leider nicht der normale Umgangston bei solchen Rezensionen, wenn überhaupt ein Austausch zwischen Blogger*in und Autor*in statt findet …

    Und ich will ehrlich sein (Spoiler habe ich nun bezgl. der geschichte überlesen), aber ich denke ohne das Wissen eures Austausches hätte ich das Buch wohl auch abgebrochen – oberflächlich gesagt. Da ich die Geschichte noch nicht kenne kann ich nicht viel mehr dazu sagen, außer das ich deinen Abbruch verstehe – ging mir mit einem Hörbuch dieses Jahr nicht anders. Solche Szenen müssen feinfühlig und „passend“ für die Geschichte eingearbeitet werden – klingt gerade total doof, aber ich hoffe du weißt wie ich das meine.
    Ich werde das Buch natürlich lesen, jedoch dank dem Austausch bzw. Noras Reaktion mit einem anderen Blickwinkel – mal sehen wie ich es dann wahrnehme. Bei einer Besprechung würde ich aber auch auf deine Rezension und Noras Worte aufmerksam machen, denn natürlich kann es anderen wie dir ergehen und legen das Buch vorab beiseite.

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