[Interview] Verrisse und Kritik – Interview mit Nora Bendzko und Liza Grimm

Es ist normal, dass sich Literaturblogger_innen und andere Rezensent_innen auch kritisch zu gelesenen Büchern äußern, bis hin zu Verrissen. Wichtig ist, dass man, egal wie gut oder schlecht man ein Buch fand, den/die Autor_in nicht persönlich angreift. Auch wenn Werk und Schaffende_r in Sachen Literatur nicht vollständig getrennt werden können, Beleidigungen jeglicher Art sind ein absolutes No Go. Der Grat zwischen scharfer Kritik und Beleidigung ist oft schmal, aber auch der Umgang mit solcher ist ein vermintes Feld.

Wie man mit Kritik und Verrissen umgehen kann

Im März habe ich zwei Bücher kritisiert: Wolfssucht von Nora Bendzko habe ich mehr oder weniger verrissen, und Die Götter von Asgard von Liza Grimm habe ich bei meinen Goodreads Leseupdates immer wieder kritisiert. Spannend ist hier, wie die Autorinnen reagiert haben. Liza hat es mit Humor genommen, und war trotz meiner Kritikpunkte offen für die Rezension. Nora hat sich unter dem Tweet, über den ich meine Rezension geteilt habe, zu Wort gemeldet und quasi eine Stellungnahme abgegeben, die ich später auch der Rezension hinzugefügt habe. Beide Autorinnen haben die Kritik an ihren Büchern als das gesehen was es war: ihr Beitrag zur Literatur wurde kritisch, tlw. scharf beurteilt – aber keinesfalls sie selbst als Person!

Ich habe Liza Grimm und Nora Bendzko zu einem Interview zum Thema “Kritik und der Umgang damit” eingeladen.

Nora Bendzko

Lest ihr alle Rezensionen zu euren Büchern?
Nora: Alle auf Amazon und in digitalen oder gedruckten Medien. Ansonsten nur, was mir direkt unter die Augen kommt, zum Beispiel, wenn eine Bloggerin oder ein Blogger auf meine Facebook-Seite verlinkt. Einmal, weil es mich persönlich interessiert, aber auch, weil die Rezension ein wichtiges Werkzeug ist, um das eigene Schreiben zu verstehen und zu verbessern. Welche Dinge, die ich beim Schreiben vorhatte, sind beim Publikum gut angekommen, welche nicht? Was kann ich für kommende Bücher mitnehmen, vielleicht besser machen? Über was würden die Leute gerne mehr lesen? Für mich ist es als Autorin natürlich, Meinungen von Leserinnen und Lesern dahingehend zu reflektieren.

Liza: Ich schwanke immer zwischen „JA!“ und „nein, am liebsten lese ich gar keine“. Das hängt ehrlich gesagt stark von meiner persönlichen Verfassung und meinem aktuellen Projekt ab. Gerade schreibe ich beispielsweise und ich weiß ganz genau, dass eine negative Rezension dazu führen könnte, dass ich das aktuelle Projekt komplett hinterfrage und am Ende sogar lösche. Deshalb versuche ich, aktuell Rezensionen zu vermeiden. Das ist nur in Zeiten von Social Media gar nicht so leicht.
Gerade auf Twitter oder Instagram ist es sehr schwer, direkte Verlinkungen zu übersehen und natürlich bin ich neugierig, wenn ich eine Rezension sehe.

Sprecht ihr unter Kolleg_innen über Verrisse oder Kritik?
Nora: Klar! Gerade wenn „Skandale“ hohe Wellen in den sozialen Medien schlagen, bekommen wir alle davon mit und sprechen darüber. Mein eigener Verriss zum Beispiel wurde stark im Nornennetz-Kollektiv besprochen, wo ich Mitglied bin.

Liza Grimm

Liza: Meiner Erfahrung nach ist das ein Thema, das sehr viele AutorInnen beschäftigt und es sprechen alle sehr offen darüber. Aber eher über den allgemeinen Umgang, als über Einzelfälle. Wenn mich eine Rezension mal sehr hart trifft (weil sie beispielsweise persönlich ist), spreche ich mit engen Freunden darüber.

Ich habe Bücher von euch beiden kritisiert, bzw bei dir, Nora, sogar verrissen. Trotzdem habt ihr beide relativ relaxt und souverän reagiert. Wie kommt das?
Nora: Puh, das wird lang. Vielleicht, weil ich selbst nicht ganz weiß, warum ich mich nicht so aufgeregt habe, wie es andere vielleicht tun würden.
Erst einmal ein wenig Kontext für die, welche die Vorgeschichte zu diesem Interview nicht kennen: Mareike hat meinem Buch „Wolfssucht“ vorgeworfen, Vergewaltigung zu romantisieren und zu glorifizieren. Es gab eine entsprechend heiße Diskussion auf ihrem Blog und auf Twitter, bei der ich mich irgendwann dazugeschaltet und ein Statement abgegeben habe. Ein Statement, das die Leute erstaunlich positiv aufgefasst haben, und weshalb wir nun dieses Interview führen.
Ich glaube, dass ich deshalb souverän antworten konnte, weil ich auf eine solche Situation geistig vorbereitet war. Nicht auf „Wolfssucht“ bezogen, sondern im Allgemeinen. Ich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass mein Schreiben der ganzen Welt gefallen könnte. Geschichten, die nur schwarz und weiß sind, kann ich nicht leiden. Ich mag die Grauzone, hatte schon immer eine Faszination für das Morbide und Dunkle, aber auch für progressive Themen, wie Feminismus, Queerness, Diversität und postkoloniale Kritik. Deshalb veröffentliche ich auch zum Teil selbst – so muss ich gewisse Ideen nicht in Schubladen oder Korsette zwängen. Das kann natürlich nicht jedem gefallen.
Aber wer veröffentlicht, muss auch generell mit Kritik rechnen. Manchmal ist sie gut, manchmal ist sie schlecht, und wenn es mies läuft, ist sie vernichtend und zieht einen Shitstorm hinter sich her. Mir war immer bewusst, dass mir so etwas passieren könnte, ganz gleich, wie gut meine Intention sind. Warum sollte ich es da besser haben als andere?
Im ersten Moment saß Dein Vorwurf natürlich. Im zweiten Moment sah ich mich nur als Teil einer Konversation, die mir selbst am Herzen liegt. Das klingt jetzt vielleicht für neu Dazugekommene widersprüchlich, aber ich bin selbst eine Gegnerin von Vergewaltigungsverherrlichung. Überhaupt versuche ich für den Abbau von diskriminierenden und verletzenden Inhalten und mehr Diversität zu schreiben. Entsprechend groß war mir das Bedürfnis, meine Perspektive bei Deinem Beitrag dazulassen. Zumal „Wolfssucht“ als eine kritische Geschichte in Sachen Vergewaltigung intendiert war.
Weil mir kritische Debatten zu solchen Themen aber wichtig sind, wollte ich Dir aber nicht das Gefühl geben, Deine Meinung zu untergraben. Ja, ich stand und stehe gegen Deine Meinung, wie Dugegen meine. Das tun wir bei „Wolfssucht“ bis heute. Aber das wollte ich nicht in den Fokus stellen. Es sollte nicht um mich, sondern um das Buch und höchstens um Dich gehen. Insofern, dass ich am Anfang nicht ausschließen konnte, dass das Buch vielleicht ungewollt etwas Schmerzliches in ihr berührt hat, und mich vorsichtshalber entschuldigt habe.
Ich habe so reagiert, weil ich mir selbst in Debatten um Sexismus, Rassismus und anderen -ismen wünsche, dass Leute so reagieren würden. Unaufgeregter, akzeptierender. Auch wenn das vielleicht seltsam klingen mag bei diesen schwierigen Themen. Viele echauffieren sich bei solcher Kritik, weil sie „keine schlechten Menschen“ sein wollen. Oft scheint es nicht um Sexismus, Rassismus etc. an sich zu gehen, sondern dass die Kritik selbst als persönliche Beleidigung und Unterstellung aufgefasst wird. Anstatt die Fronten zu klären oder wenn nötig Verantwortung zu übernehmen, wird dichtgemacht und nur über die eigene Kränkung geredet, obwohl es eigentlich auch um andere geht.

Ich glaube, ein großes Problem ist hier, dass Diskriminierung von vielen in zwei gegensätzlichen Polen gesehen wird. Man ist perfekt liberal und aufgeschlossen oder hoffnungslos sexistisch, rassistisch, was auch immer. Dabei ist Diskriminierung vielmehr ein Spektrum und läuft öfter unterbewusst in Vorurteilen ab, als wir glauben. Davor ist keiner gefeit, und das ist auch nicht schlimm. Entscheidend ist, ob und wie wir mit Hinweisen darauf umgehen.
Das habe ich für mich akzeptiert und versuche es auch an andere weiterzugeben. Als Deine Rezension kam, war ich einmal nicht selbst Kritikerin, sondern Kritisierte, und musste nur umdenken. Wäre ich am anderen Ende gewesen, hätte ich mir auch gewünscht, dass meine Rezension nicht empört abgetan, sondern als schwere Herzensangelegenheit ernstgenommen wird.

Liza: Deine Kritik empfand ich als sehr fundiert und begründet. Damit kann ich relativ gut umgehen. Wobei ich natürlich zugebe, dass begründete und konstruktive Kritik auf einer anderen Ebene verletzend ist als persönliche Kritik.
Wenn ich persönlich angegriffen werde, tut das enorm weh und es löst in mir Wut und Unverständnis aus. Ich frage mich, was ich der Person getan habe, dass sie mich beispielsweise als „überdrehte YouTuberin“ bezeichnet. So etwas hat in einer Rezension zu meinem Buch meiner Meinung nach nichts verloren.
Konstruktive Kritik ist auf einer professionellen Ebene schmerzhaft. Immerhin habe ich monatelang an meinem Buch gearbeitet und das mir bestmöglichste Ergebnis geliefert. Es ist ärgerlich, wenn LeserInnen es dann nicht mögen. Da stellt sich schnell ein „Ich bin eine Versagerin“-Gedanke ein. Allerdings sammle ich konstruktive Kritik in einem Ordner und gehe sie dann vor der Planung eines neuen Buches durch, um zu sehen, was ich umsetzen möchte/kann – und was nicht. Deshalb bin ich für konstruktive Kritik immer dankbar. Immerhin heißt es auch, dass sich jemand mit meinem Buch auseinandergesetzt hat.

Liza: bist du vllt schon durch deinen YT-Kanal “abgehärtet”?
Liza: Das hatte ich erwartet, aber ganz ehrlich: absolut nicht.
Kritiken auf meinem YouTube-Kanal sind zu 99% irgendwelche Beleidigungen, die ich nicht wirklich ernst nehmen kann.

Wo/ab wann wird bei euch eine Grenze überschritten?
Nora: Wenn es beleidigend oder diskriminierend wird. Sei es, dass man mich als Person angeht, oder meine arabische Familie. Aber auch bei Diskriminierung, die mich nicht direkt betrifft, zum Beispiel Homophobie, ist die Unterhaltung für mich beendet. Diskussionen sind für mich nur fruchtbar, wenn sie mit einem Grundrespekt, auf Augenhöhe stattfinden – gleich, welch unterschiedlicher Meinung und Weltanschauung man ist. Wer dazu nicht bereit ist, bekommt meine Zeit nicht. Zum Glück ist es bisher aber nur selten vorgekommen, dass ich die Grenzlinie ziehen musste. Meist handelte es sich dabei um mehr oder weniger fremde Leute aus dem Netz.

Liza: Wenn es persönlich wird. Sätze wie „Immer mehr Bloggerinnen schreiben…“ verletzen mich auf einer ganz tiefen Ebene. 2011 habe ich einen Roman im Selfpublishing veröffentlicht und er ist deutlich schlechter als mein neustes Buch. Immerhin liegen 8 Jahre, Schreibseminare, viel Arbeit und endlich mal ein ordentliches Lektorat dazwischen.
Erst nach dieser Veröffentlichung begann ich mit dem Bloggen und als ich dann 2013 einen Sammelband zu besagtem Roman herausgebracht hatte, bekam er in den Rezensionen durchschnittlich einen Stern weniger als die Sammelbände. Das hat mir schon damals Bauchschmerzen bereitet. Das Buch hatte sich ja nicht verändert – aber die Ansprüche an mich, da ich plötzlich nicht mehr als Autorin, sondern als Bloggerin wahrgenommen wurde. Das änderte die Sicht vieler Rezensenten und für mich ist das eine Grenze, deren Überschreiten mich immer wieder verletzt.
Ich möchte nicht, dass mein Buch an mir als Person gemessen wird, sondern die Geschichte für sich allein bewertet wird.

Kann und sollte man eurer Meinung nach Autor_in und Werk trennen? Wie?
Liza: Oh, jetzt habe ich die Frage ja quasi schon beantwortet! Ja, ich finde eine klare Trennung unwahrscheinlich wichtig. Das betrifft meiner Ansicht nach auch/vor allem Bestseller-AutorInnen. Ich erlebe so oft, dass neue Bücher mit „Aber Bestseller XY von ihm/ihr war viel besser!“ kommentiert und Sterne abgezogen werden.
Das stört mich schon lange und ich empfinde es als unfair dem Buch gegenüber. Für mich klingt das, als hätte die Geschichte eine bessere Bewertung bekommen, wenn kein Bestseller-Name draufstehen würde.

Nora: Schwierig. Viele sprechen sich ja für eine Trennung aus. Da bin ich geteilter Meinung. Meiner Erfahrung nach finden sich Spuren von Autor oder Autorin in JEDEM Werk, ganz gleich, ob autobiographisch oder Roman, bewusst oder unbewusst geschrieben. Das heißt aber nicht, dass man im Umkehrschluss ALLES in einer Geschichte auf den oder die Schreibende/n münzen soll. Gerade das tun Lesende aber immer wieder: Sei es, dass sie Bücher und die Menschen dahinter auf ein Podest heben, oder eine Geschichte derart schlecht und problematisch finden, dass sie den AutorInnen negative Zuschreibungen machen. Saloppe Beispiele: „Das ist so kranker Sch***, dann muss auch der Autor krank sein“, oder: „Wer so was schreibt, ist untervögelt.“
Hier würde ich AutorIn und Werk insoweit trennen, dass man versucht, ein wenig Abstand und nicht sofort von Emotion auf Interpretation zu springen. Nicht alles kommt eins zu eins von Autorin oder Autor. Ich selbst sehe Schreiben als einen „Übersetzungsprozess“ vom Kopf aufs Papier. Bei dieser Übertragung läuft nicht immer alles reibungslos ab. Ideen werden sprachlich manchmal nicht optimal umgesetzt, können zweideutig werden oder von gängigen Klischees vergiftet, die wir alle unhinterfragt im Kopf haben. Manchmal kommt so bei der Leserschaft etwas an, dass von Autorin oder Autor nicht intendiert war. Deswegen ist entsprechende Kritik trotzdem valide und soll auch geäußert werden – man sollte meines Erachtens nur vorsichtig mit vorschnellen Zuschreibungen und Urteilen sein. Dann doch lieber erst ein wenig zu den Hintergründen recherchieren und anhand des großen Bildes Schlüsse ziehen.
Ein spezieller Fall ist, wenn eindeutig problematische Inhalte vorliegen – sagen wir mal, eine offenkundige Verherrlichung von Nationalsozialismus –, oder wenn man es mit Schreibenden zu tun hat, die kriminell oder unmoralisch handeln. Ich kann absolut verstehen, wenn Leute hier nicht trennen und unterstützen wollen.
Eine Trennung fällt mir selbst bei verstorbenen Autorinnen und Autoren leichter. Zum Beispiel habe ich große Achtung für die Werke von Lovecraft, welche die dunkle Phantastik stark beeinflusst haben. Deswegen war Lovecraft trotzdem ein unfassbarer Rassist, menschenverachtender als viele andere seine Zeit. Seine manische Angst vor People of Color und der „Vermischung von Völkern“ scheint immer wieder in seinen Werken durch. Ich habe mich trotzdem durch einige dieser Passagen gezwungen, um seine wichtigsten Geschichten zu lesen. Manchmal dann doch mit diebischem Vergnügen – es ist eine schöne Vorstellung, wie er sich im Grab umdreht, weil nun deutsch-marokkanische Kinder wie ich mit seinen Geschichten machen können, was wir wollen! Ich kann also trotz diesem Hintergrund irgendwo das Werk schätzen, ohne dasselbe beim Autor zu tun. Und auch nur, weil ich kritisch mit seinen Werken umgehe.
Bei modernen Autorinnen und Autoren bin ich da rigoroser. Es gibt Leute, denen ich keine Plattform und Unterstützung geben möchte, indem ich ihre Schriften kaufe und verbreite. Oft sind das Menschen, die für mich moralische Grenze überschreiten, manchmal speziellere Fälle, zum Beispiel Schreiberlinge, die plagiiert haben. Diese kann ich auch nicht als Kolleginnen und Kollegen anerkennen und vernetze mich nicht mit ihnen.
Das ist meine individuelle Entscheidung – andere müssen das nicht so handhaben. Jeder muss hier selbst entscheiden. Eine vollkommene Objektivität und Trennung ist meiner Meinung nach nicht möglich und nicht von der breiten Leserschaft zu erwarten. Wir sind alle auch nur Menschen.

Wie sieht für euch die ideale Rezension aus?
Liza: Geschichten- und charakterbezogen. Als Leserin möchte ich zwar die Meinung des Rezensenten wissen, aber vor allem möchte ich wissen, ob ich mich dieser Meinung anschließe.
Wenn jemand schreibt „schlechtes Buch“ kann ich damit nichts anfangen. Bei „es ist mir zu romantisch“ kommen wir der Sache schon näher. Und mit „LeserInnen, die romantische Stoffe mögen, kommen hier sicher auf ihre Kosten – mir hat es nicht zugesagt“ klingt die Aussage sogar noch höflich und ich kann als Leserin einschätzen, ob ich romantische Stoffe mag – oder eben nicht.
Natürlich sind Rezensionen immer subjektiv und das ist gut so. Aber ich finde es genauso wichtig, die eigene Meinung auch als solche zu kennzeichnen und nicht zu pauschalisieren.

Nora: Die ideale Rezension ist für mich ein reflektierter Beitrag, der über ein „Ich fand die Geschichte supi!“ oder „Hab das Ding auf den Müll geschmissen!“ hinausgeht. Lesende sollten in sich lauschen und das Gesamtpaket betrachten. Das heißt, nicht nur ein paar Worte über die Geschichte zu verlieren, sondern vielleicht auch das Cover ansprechen, eigene Gefühle während des Lesens, gute wie schlechte Dinge – gleich, ob der Gesamteindruck himmelhochjauchzend oder vernichtend ausfällt. Am besten mit direkten Beispielen, dass es nachvollziehbar bleibt. Das I-Tüpfelchen wäre, sich mit den Hintergründen der Geschichte (Informationen zu Reihe, Autor/in, etc.) zu beschäftigen und diese in die Rezension mit einfließen zu lassen.

Gibt es etwas, das ihr euch von Literaturblogs wünschen würdet?
Nora: Ich würde mir mehr Kooperationen mit Autorinnen und Autoren wünschen. Damit meine ich nicht das Rezensieren und Bewerben von Büchern, wobei ich dafür immer offen wäre *lach* Nein, mir geht es mehr um inhaltliche Kooperationen. Nicht alle, doch immer mehr Schreibende sind an Austausch interessiert oder engagieren sich gar aktivistisch, wie auch größere Teile der Bloggerszene.
Hier gibt bisher leider wenig Schnittstellen. Immer öfter denke ich, dass nicht rein Bloggende oder rein Schreibende auf den Podien bei den Messen sitzen sollten, sondern eine Mischung. Leuten wie mir hilft eure Perspektive und umgekehrt. Und auch über die Debattenkultur hinaus gibt es viel mehr Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
Wenn ich also einen Wunsch frei hätte: Traut euch, das anzuregen.
Schreibt einfach mal auf Facebook oder Twitter, wenn ihr da eine Idee habt. Es kann gut sein, dass sich einige Schreibende darauf melden. Tretet mit uns Autorinnen und Autoren in Kontakt, und sei es nur, indem ihr uns eine E-Mail schreibt. Bei mir dürft ihr das auf jeden Fall; ich antworte in der Regel auf jede ernsthafte Anfrage. Wenn ihr darüber hinaus nicht wisst, bei wem ihr dürft: Es gibt auch AutorInnen-Kollektive, für die Zusammenarbeiten nicht nur interessant, sondern lebensnotwendig sind. Klopft mal bei einer Gruppe wie Nornennetz oder Mörderische Schwestern an und erkundigt euch, welche Möglichkeiten es gibt.

Liza: Ich liebe Literaturblogs und verfolge die Szene schon seit 2011 (ich war ja auch lange ein Teil davon). Die Diskussions-Themen sind schon immer dieselben. „Große“ vs. „Kleine“, Rezensionsexemplar-Abgreifer, Verriss-Schreiber, Sexismus-Debatten. Diese Themen können oft anstrengend sein, trotzdem finde ich es toll, dass die Szene sich im Kern so treu geblieben ist.

Eine Frage, die Blogger_innen immer mal umtreibt: soll man Autor_innen auf Twitter/Facebook verlinken, wenn eine Rezension zum Buch erscheint? Oder nur bei Rezensionsexemplaren? Nur bei guten Rezensionen? Wie wünscht ihr euch das?
Liza: Plump gesagt: jede Verlinkung ist Marketing und das ist prinzipiell wünschenswert. Aber mich persönlich ziehen schlechte Rezensionen schon sehr oft runter und es gibt Phasen, in denen möchte ich sie nicht lesen. Das liegt dann aber in meiner Verantwortung. Woher soll jemand wissen, ob ich gerade einen guten oder schlechten Tag habe? Außerdem äußere ich mich gerne zu Kritik (zumindest, wenn ich gerade nicht wegen ihr weinend meine Manuskripte lösche) und bin dann dankbar, wenn ich verlinkt war. Ansonsten wirkt es schnell so, als hätte ich nach mir selbst gesucht (was ich natürlich niiie tun würde… Hüstel).

Nora: Ich freue mich immer über Verlinkungen, denn sonst würde mir die eine oder andere Rezension entgehen. Oft stoße ich so auf interessante Blogs, die ich vorher nicht kannte, und bleibe als Leserin. Das eine oder andere Mal ist auf diesem Weg eine Zusammenarbeit entstanden, denn ich schreibe für mich interessante Blogs als Pressekontakte heraus und mache dann auch gerne mal eine Anfrage.
Nachdem ich keine Scheu habe, schlechte Rezensionen neben den guten zu lesen, würde ich die Blogging-Szene ermutigen: Verlinkt ruhig alles.
Ob wir Autorinnen und Autoren euch lesen, auf die Rezensionen antworten oder nicht, können wir immer noch jeweils entscheiden. Die meisten von uns freuen sich, wenn sie sehen, dass ihre Werke Kreise ziehen, ob im Guten oder Schlechten – macht uns ruhig darauf aufmerksam.
Übrigens gilt das auch für den Verriss, den ich von Dir bekommen habe. Damals gab es keine Verlinkung für mich auf die Rezension und die dazugehörige Diskussion, ich habe durch Kolleginnen davon erfahren. Ich hätte aber tatsächlich eine Verlinkung begrüßt, weil mir die Konversation wichtig gewesen wäre. Bis auf ein „Danke“ schreibe ich online normalerweise nichts zu Rezensionen – dies war eine Ausnahme.
Und das war gut, denn sonst hätten wir trotz schweren Themas keine Diskussion gehabt, und schon gar nicht dieses Interview hier 🙂

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Vielen Dank für das Interview!
Was sagt ihr jetzt dazu? Werdet ihr ab jetzt mehr verlinken? Trennt ihr Autor_in und Werk?

8 Kommentare zu „[Interview] Verrisse und Kritik – Interview mit Nora Bendzko und Liza Grimm“

    1. Du reagierst doch jetzt auch schon immer sehr relaxt. Das eigene Buch ist vielleicht was anderes, aber ich halte dich irgendwie nicht für den Typ „Ich raste mal aus, weil da jemand die Farbe meines Covers nicht mag“ 😀

  1. Hey Mareike,

    ein Interview zu einem sensiblen Thema. Auf Twitter habe ich in den letzten Monaten immer wieder beobachtet, wie schnell es zu bösartigen Reaktionen kommen kann. Es gab Autoren, die sich über „3 Sterne“ aufgeregt haben, den Blogger damit natürlich provoziert haben und schon war der Ringkampf eröffnet.

    Ich stimme vollkommen zu, dass man nicht diskriminierend und beleidigend gegenüber dem Autor werden sollte, das Ganze gilt ebenso andersherum. Die Beurteilung des Werkes steht im Mittelpunkt. Also lasst uns dahingehend unsere Gefühle, in angemessener Form, sprechen!

    Liebe Grüße
    Tina

    1. Hallo Tina!

      Ja, ich habe auch das Gefühl, dass auch Kritik, egal ob gerechtfertigt oder nicht, ob konstruktiv vorgetragen oder nicht, sofort die Mistgabeln herausgeholt werden. Das ist keine Diskussionskultur, sondern das Gegenteil davon. Kritik ist in keinster Form erwünscht, auf beiden Seiten, alles soll bitte schön flauschig und nett sein, Bücher unkritisch in den Himmel gehoben werden und wer etwas zu bemängeln hat, soll das bitte seinem Frisör erzählen…
      Ich kann nur hoffen, dass es wieder besser wird und es wieder zu mehr Austausch auf Augenhöhe kommt statt dieses „Mimimi, die da hat mich kritisiert, VERBRENNT SIE!“ – und da nehme ich beide Seiten, Autor_innen und Blogger_innen, mit rein..

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