[Rezension] Louise O’Neill – Du wolltest es doch

Titel: Du wolltest es doch (Affiliate Link) | Autorin: Louise O’Neill | Übersetzerin: Katarina Ganslandt | Verlag: Carlsen

 

 

 

Triggerwarnung, Spoilerhinweis

Vergewaltigung, Rape Culture, Sexismus, Suizid, Depressionen. Ein Spoiler zur Familie und zum Ende kommt nach der Rezension

 

 

 

Worum geht’s?

Emma ist 18 Jahre alt, es ist Sommer, und ihr größtes Problem ist zu entscheiden, was sie zur nächsten Party anziehen soll und wie sie auf andere wirkt. Auf der Party trinkt sie, und um cool zu sein, wirft sie sich Drogen ein. Am nächsten Tag finden sie ihre Eltern vor der Veranda, sie kann sich an nichts erinnern. Auch am darauf in der Schule hat sie immer noch einen Filmriss und hat keine Ahnung, was an dem Abend und in der Nacht passiert ist – anders als so ziemlich alle anderen, wie es scheint. Ihre Freundinnen wenden sich Gift und Galle spuckend von ihr ab, alle anderen tuscheln – und dann sieht sie die Fotos, öffentlich zugänglich auf Facebook. Und ihr Bruder sieht sie und ihre Familie und ihre Freunde und überhaupt alle. Die Schulleitung sagt: das war eine Vergewaltigung. Plötzlich haben alle, wirklich alle, landauf, landab, eine Meinung zu dem Abend und zu Emma. Nur Emma selbst weiß nicht mehr, was sie denken oder fühlen soll.

Wie war’s?

Du wolltest es doch ist hart. Verdammt hart. Warum? Weil Emma nicht gerade das sympathischste Mädchen unter der Sonne ist. Sie ist berechnend, egoistisch, hat in etwa so viel Empathie wie ein Traktorreifen und ich habe mich während des Lesens immer wieder gefragt, wie ihre Freundinnen es mit ihr aushalten.
Dann kommt die Party, der Filmriss, die Fotos und die Schulleitung, die mit ihrer Erkenntnis „Das war eindeutig Vergewaltigung“ den Stein ins Rollen bringt, mit dem Emma auch Monate später noch zu kämpfen hat. Immer wieder werden in Zeitungsartikeln, Radiobeiträgen, aber auch in Emmas engerem und weiterem Umfeld die Frage diskutiert, ob sie nicht selbst Schuld gewesen sei an dem, was passiert ist. Sie hatte Alkohol getrunken, sie hatte das kurze Kleid an, sie hatte das aktive Sexualleben, sie hat sich hinterher nicht verhalten wie sich ein Rape Survivor gefälligst zu verhalten hat. Und außerdem, die armen Jungs, die netten, deren Leben sie jetzt zerstört…

Wie ich das Ende fand, könnt ihr im Spoilerbereich lesen.

Ihr seht: das Buch ist harter Tobak. Warum ihr es trotzdem lesen solltet? Weil nicht jeder Rape Survivor das sympathische Mädel von nebenan ist, und die Gesellschaft lernen muss, dass auch diese Mädchen und Frauen (und Männer und Nonbinarys und…) keine Schuld an ihrer Vergewaltigung tragen. Die liegt immer noch einzig und allein beim Vergewaltiger!

Du wolltest es doch ist meiner Meinung nach der wichtigste Beitrag des Jahres im Jugendbereich zu, Thema #metoo und Rapeculture und Rape Culture!

Wie habt ihr die Eltern wahrgenommen? Und Emmas Freundinnen? Wie seht ihr das überhaupt? Kann man eurer Meinung nach eine (Teil-)Schuld an der eigenen Vergewaltigung haben? Konntet ihr mit Emma mitfühlen, auch wenn man sie eher nicht als Freundin haben möchte?

Spoiler zur Familie und zum Ende

Wer mich immer wieder aufgeregt hat, sind Emmas Eltern. Es wird immer wieder offensichtlich, dass sie, vor allem Emmas Mutter, Emma selbst die Schuld an der Vergewaltigung geben und an allen Folgen: die soziale Ächtung in der Gemeinde, finanzielle Einbußen… Sie haben keine Lust mehr, sich mit Emma und den psychischen Folgen auseinanderzusetzen. Und nicht nur das. Sie wollen sie nicht um sich haben, sie ertragen ihre bloße Existenz, ihren bloßen Anblick nicht, können sie nicht berühren, in den Arm nehmen oder ihr sonst Zuneigung zeigen. Das Einzige, was sie sehen, ist ihr eigener Schmerz, ihre eigenen Folgen. Meiner Meinung nach versagen die Eltern hier auf ganzer Linie, ganz besonders die Mutter. Sie war es vorher gewohnt, immer im Mittelpunkt zu stehen. Jetzt steht Emma im Mittelpunkt der Familie. Dass die Ursache dafür ein massives, ich möchte betonen: massives! Trauma war, ist egal. In der Version der Mutter drängt Emma egoistisch in den Mittelpunkt, weil sie nichts besseres zu tun hat, und zerstört selbstsüchtig und ohne mit der Wimper zu zucken die Familie. Und die einzelnen Leben der Familie.

Dann ist da noch das Ende. Dieses für mich so schlimme Ende, als Emma die Anzeige zurückzieht. Ich habe vor Wut geheult, dass ihre Eltern sie mit ihrem Liebesentzug so weit gebracht haben. Ich habe fuchsteufelswild mit meiner Mum darüber gesprochen, und erst sie konnte es mir erklären. „Kind, den meisten Vergewaltigungsopfern geht es so. Die wenigsten haben die Kraft, überhaupt Anzeige zu veranstalten, geschweige denn, das Verfahren durchzustehen. Dieses Ende ist realistisch! Ich weiß, dass du dir etwas anderes wünschst. Aber die Realität sieht so aus wie in dem Buch.“ Und ganz ehrlich? Das macht mich noch so viel wütender. Und dieses Ende macht dieses Buch noch so viel besser. Und ich bin sehr dankbar, dass ich ein sehr viel unterstüzenderes Umfeld und Familie habe als Emma.

Ein Kommentar zu „[Rezension] Louise O’Neill – Du wolltest es doch“

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