[Rezension] Pauline Harmange – Ich hasse Männer

[Rezension] Pauline Harmange – Ich hasse Männer

Titel: Ich hasse Männer | Autorin: Pauline Harmange | Übersetzerin: Nicola Denis | Verlag: Rowohlt

Worum geht’s?

Pauline Harmange hasst Männer. Nicht ironisch, nicht als Witz. Sie ist der Meinung, dass Misandrie, also Männerhass, für Frauen befreiend sei und ein von der Mehrheit der Frauen offen gelebter Männerhass den Feminismus entscheidend voran brächte.

Wie war es?

Als ich das Buch kurz vor seiner Veröffentlichung entdeckte wusste ich, dass ich es lesen muss. Ich wollte wissen, was sich hinter diesem geradezu reißerischen Titel verbirgt. Kaum aus dem Briefkasten geholt, habe ich es auch direkt gelesen. Und…naja, ich weiß ja nicht…

Anfangs wollte ich meine Leseeindrücke wie so oft auf Twitter teilen. Schnell war mir aber klar, dass das dieses Mal nicht funktionieren würde, und vor allem wollte ich mit dem Buch schnell voran kommen, ich wartete nämlich immer wieder auf tiefere Erklärungen der Autorin. Aber von Anfang an.

Schon unter dem Tweet, dass ich das Buch nun lesen würde, gab es direkt Kommentare, dass das ja Demagogie sei, Hate Speech, etc.pp. Ohne zu wissen, worum es in dem Buch geht. Das ging schonmal gut los. Nun ist es so, dass der Titel des Buches, das eigentlich ein Essay ist, definitiv reißerisch ist. Liest man die ersten beiden Kapitel, klingt die Prämisse des Männerhasses erstmal ganz anders. Kurz vorweg: Harmange hasst Männer und sie will Männer hassen. Sie macht keine Witze und sie schreibt auch keine Relativierung à la “War nur ein Scherz, Männer sind ganz okay.” Sie macht das mehrmals unmissverständlich klar.

Harmanges Begriff von Misandrie und was mich daran stört

Nun also die Frage, wie Frau Harmange Misandrie definiert. “Ich verstehe die Misandrie als negatives Gefühl in Bezug auf die Gesamtheit des ‘starken Geschlechts’. Dieses negative Gefühl kann das gesamte Spektrum zwischen einfachem Misstrauen und ausgesprochener Feindseligkeit umfassen, was sich meist in einer Ungeduld gegenüber Männern und ihrem Ausschluss aus weiblichen Kreisen niederschlägt.” (S. 15) Mit dem “starken Geschlecht” meint die Autorin “…alle Cis-Männer, die als solche sozialisiert worden sind und ihre männlichen Privilegien genießen, ohne sie ausreichend in Frage zu stellen.”[sic!] (S. 15f) Harmange führt auch aus, wie es zu diesen negativen Gefühlen seitens der Frauen gegenüber den (cis) Männern kommt, nämlich durch Erfahrungen von Mansplaining, Sexismus, sexualisierter Gewalt, etc.

Gestern habe ich noch getweetet, dass ich dann laut Harmanges Definition Männerhasserin sei. Erst dachte ich: “Aha, so nennt sich das also. Gut, dann eben Männerhasserin.” Das Problem? Es fühlt sich nicht richtig an – und ist es auch nicht. Und inzwischen bin ich richtig sauer. Harmange macht in ihrem Essay nichts anderes, als die manchmal ohnmächtige Wut und Verzweiflung von Feministinnen und Frauen (und ich meine tatsächlich alle Frauen, bei Harmange gibt es da Leerstellen), und all deren Erscheinungsformen zu nehmen und ihnen den Begriff “Misandrie” überzustülpen. Du hast nachts ein ungutes Gefühl auf dem Nachhauseweg, weil ein Mann hinter dir läuft? Misandrie. Du reagierst unterkühlt auf Mansplaining? Misandrie. Oh, du blaffst den Mansplainer an? Misandrie.

Das funktioniert nicht, und kann sogar, ganz im Gegensatz zu dem, was die Autorin postuliert, dem Feminismus schaden. Denn wenn nun jede Kritik am Patriarchat im Allgemeinen und individuellen Männern im Besonderen unter dem Schirm eines fabulierten Männerhasses steht, dauert es nicht lange, bis sämtliche Kritikformen dem Tone Policing unterliegen. Man mag mir nun vorwerfen, dass ich den Begriff aus Angst vor Backlash ablehne, dass ich von Männern und Patriarchatsapologet:innen nicht angegriffen werden, sondern flauschig weiter vor mich hin feminismusisieren will. Dabei sage ich nicht, dass wir etwas an den vielfältigen Ausdrucksformen unserer Wut ändern sollen, ganz im Gegenteil. Ich will genau diese Wut beibehalten und sogar füttern und fördern. Ich weigere mich aber, meine Wut von Harmange mittels eines Begriffs vereinnahmen zu lassen, der nicht meiner Auffassung und meiner Realität entspricht.

Denn ich hasse cis Männer nicht. Hass hat eine vernichtende, ausmerzende Komponente, wie mir jemand gestern in einer Diskussion sagte, und dieser Auffassung kann nur zustimmen. Ich hasse das Patriarchat. Ich hasse das patriarchale Gesellschaftskonstrukt, in dem cis Männer privilegiert sind und Deutungsmacht haben, ungehindert und ungestraft Gewalt ausüben und Minderheiten zum Schweigen bringen können. Aber Männer, auch als Gruppe, hasse ich nicht. Viele verabscheue ich, leidenschaftlich. Noch vielen mehr traue ich nicht über den Weg, und ich gehe mit Unbehagen nachts vor oder hinter einer cis Männergruppe, cis männliche Aggression macht mir Angst, weil für mich immer die Gefahr der körperlichen Konfrontation im Raum steht. Ich will und werde das Patriarchat und cis Männer weiter kritisieren, aber ich will nicht wieder anfangen müssen zu erklären, dass Feminismus nicht synonym mit Männerhass ist.

Können Männer Feministen sein?

Insgesamt sind (vermutlich cis) Männer laut Harmange ungeeignet als Feministen. Ja, sie dürfen sich nicht mal Feministen nennen, weil sie “ihre Privilegien noch lange nicht so weitreichend ‘beschnitten’ [hätten] wie sie behaupten. Vielmehr nutzen sie ihre Situation aus, um die Frauen in ihrem Umfeld zu erniedrigen oder zu missachten.” Ich glaube, wir alle kennen genau solche Männer. Einmal die Kinder aus der Kita abgeholt, schon wollen sie von allen Seiten einen Orden. Eine komplette Absage zu erteilen erscheint mir aber zu allgemein. Man mag mich naiv nennen, aber ich bin immer noch der Überzeugung, dass man eine gesellschaftliche Veränderung nur gemeinsam hinbekommt. Mit allen. Was nicht bedeutet, dass ich der Auffassung bin, cis Männer dürften jetzt überall ungefragt mitmischen, sich wieder Raum greifen und bei Themen bestimmend sein, die sie nichts angehen bzw. wo es einfach nicht um sie geht.

Diese Fragestellung wird mich dennoch ein bisschen umtreiben, und ich plane da schon mit meinen Partners in Crime von Feminismus oder Schlägerei etwas.

Leerstellen und Auslassungen

Ein anderer Punkt, der mir immer wieder sauer aufstieß, waren die Leerstellen und Auslassungen in Sachen gendergerechter Sprache. Ich habe es schon mal in meiner Rezension zu “Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land” von Jagoda Marinic geschrieben, aber solange nicht im Mainstream angekommen ist, dass “Frauen” nicht nur cis Frauen bezeichnet, finde ich eine Erklärung, wie der Begriff genutzt wird, sollte er nicht weiter bezeichnet werden, unerlässlich. Harmange bezieht sich zwar häufiger auf cis Männer. Allgemeinplätze wie “Männer dürfen sich nicht Femisten nennen” oder “praktisch alle Vergewaltiger sind Männer” (S. 47) stehen eben so weit vom letzten “cis Mann” weg, dass man sich nicht sicher sein kann, ob sie auch weiterhin nur cis Männer meint.

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder bezeichnet Harmange mit “Männern” nur cis Männer, aber dann wäre die Differenzierung an einigen Stellen unnötig. Oder sie meint mit dem Begriff “Männer” alle Männer, also nicht nur cis, dann ist sie an vielen, zu vielen Stellen mindestens uneindeutig, wenn nicht sogar komplett falsch. Wie man es auch dreht und wendet. (Sie könnte mit “Männer” natürlich auch alle nicht-cis Männer meinen – aber dann haut die gesamte Argumentation nicht mehr hin.)

Fazit

Sonst birgt das Essay nichts neues. Mental Load der Frauen, cis Männer als größte Tätergruppe bei sexualisierter Gewalt, kurzer Anriss von toxischer Männlichkeit in ein, zwei Absätzen, Kinder, die für Mädchen gehalten werden, werden anders erzogen als Kinder, die für Jungs gehalten werden…

Für Menschen, die gerade erst beginnen, sich mit Feminismus und feministischen Themen auseinanderzusetzen, ist das Buch meiner Meinung nach nichts. Dafür bleibt Harmange oft auch für ein Essay zu oberflächlich, tlw. zu allgemein und undifferenziert.

Für Feminist:innen, die sich schon ein wenig mit den Themen beschäftigt haben, gibt es im Grunde keine neuen Erkenntnisse, außer der Fragestellung: bin ich Männerhasser:in, oder bin ich es nicht?
Ich für meinen Teil bin es nicht.

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