Lily Magdalen – Novemberkönig

Lily Magdalen – Novemberkönig

Titel: Novemberkönig | Autorin: Lily Magdalen | Verlag: Books on Demand


Worum geht’s?

Ylvas Großmutter ist verschwunden, und für Wochen hat es keiner bemerkt. Kurzerhand reist Ylva von Berlin nach Foremar Glenn, dem kleinen Dorf in Großbritannien, das sie seit ihrer Kindheit kennt. Dort angekommen stößt sie aber nicht nur auf sehr viel Nebel und Herbstwetter, sondern vor allem auf viel Schweigen und Unwillen, ihr zu helfen. Ylva soll sich von der verfallenen Villa, Foremar Manor fernhalten, aber je mehr die Bewohner*innen des Örtchens sie abhalten wollen, desto mehr zieht es sie dorthin. Als sie schließlich doch in die Villa schleicht, trifft sie nicht nur auf Magie, sondern auch auf einen Mann, Yvan, der zu wissen scheint, wo sich Ylvas Großmutter aufhält – aber nichts verrät. Und während Ylva noch herauszufinden versucht, was es mit dem Mann und der seltsamen Magie auf sich hat, verschwinden unten im Dorf weitere Menschen…

Wie war’s?

Fangen wir mit dem Negativen an: wie war’s? Zu lang. Streckenweise zog sich das Buch, was vor allem an drei Sachen lag: die repetitiven Zusammentreffen von Ylva und Yvan, die eigentlich immer gleich abliefen und neue Informationen nur zäh herauskamen; das permanente wortlose Abgehen von Yavan (I get it, er ist der geheimnisvolle Magier…); Ylvas Charakter bzw. Verhalten. Sie ist Ende 20, ihrem Verhalten nach würde ich sie stabil 10 Jahre jünger schätzen. Klar, sie ist traurig über das Verschwinden ihrer Großmutter, verzweifelt, dass sie keine Anhaltspunkte findet, und mindestens frustriert, dass das gesamte Dorf mauert. Trotzdem war da immer etwas an ihr, das immer etwas auf einem meiner offenen Nerven kratzte. 
Ob ein Buch zu kurz oder zu lang ist, unterliegt allerdings dem persönlichen Geschmack. Ich denke, an der ein oder anderen Ecke hätte man die Geschichte straffen können. Auf der anderen Seite würde dann vielleicht auch sehr viel fehlen, was Novemberkönig ausmacht.

Novemberkönig. DAS Buch des Herbstes

Denn ganz ehrlich? Holy Smoke, ist Novemberkönig ein schönes Buch. Ich habe bisher kein Buch, vor allem kein modernes, gelesen, das den Herbst und dessen besondere Stimmung, die zwischen warmen Sonnentagen und jedes Geräusch schluckenden Nebelnachmittagen alles umfassen kann, so wundervoll in meinem Kopf ausbreitet. Ich sah die gelben Blätter, hörte das Laub auf dem Boden rascheln, während Ylva die Gegend um Foremar Glenn erkundete. Ich spürte das Kribbeln im Nacken, als im Wald Schritte zu hören aber nicht zu orten waren, und Ylva sich nicht mehr so behaglich fühlte. Und ich spürte definitiv die Beklemmung, als Ylva auf einmal auf dem Gelände der alten Villa war, die verdorrten, toten Bäume in der Schneise sah und das unheimliche Zwitschern hörte. Was Stimmung erzeugen angeht, hat Lily Magdalen definitiv den großen Talenttopf abbekommen! 

Die Idee der Magie, die in Novemberkönig ausgebreitet wird, ist mir auch noch nicht untergekommen. Und was ich toll finde: man sieht sowohl das Schöne als auch das Traurige, das Herzzerreißende und Tragische als auch die Liebe darin. Es ist eine…eigenartige Magie, die ganz anders ist als ich zu Beginn des Buches erwartet hatte. Eins der Ergebnisse dieser Magie sind untote Vögel, die der Ursprung des unheimlichen Zwitscherns sind. Ich habe diese kleinen, ständig Federn verlierende Geschöpfe sofort ins Herz geschlossen, und zwar schon von den ersten Seiten des Buches an. Dort sind sie nämlich abgebildet – und ich habe so einen Vogel schon seit Jahren auf meinem Fuß tätowiert.

Einen letzten Punkt, den ich hervorheben möchte, der aber eigentlich gar nicht so hervorsticht, ist die Queerness in Novemberkönig. Wenn Bücher nicht Queer-Lit sind, in denen es explizit um queere Charaktere, deren Leben und die einhergehenden Konflikte geht, findet man queere Charaktere immer noch recht selten außerhalb des Genres, und dann sind sie oft ein Klischee bzw. man merkt förmlich, dass sie existieren, weil es gerade “en vogue” ist.
In Novemberkönig haben wir eine queere Protagonistin. Und wir wissen nicht, dass sie queer ist, weil sie das von sich selbst erzählt oder andere darüber sprechen, sondern über einen One-Night-Stand, der so natürlich in die Story eingebunden ist wie ein hetero One Night Stand. As it should be! Ich kann kaum in Worte fassen, wie glücklich ich über die Natürlichkeit bin, mit der die Queerness eingebunden wurde. Nicht auf eine In Your Face Weise, sondern eben so “normal”, wie sie, wie wir, einfach dazugehören wie der Mord zum Serienkiller und der Kuss zur Liebesgeschichte.

Und dass ich mich so explizit über die Art und Weise der Queerness freue, sagt schon viel über den Stand der deutschen Literaturlandschaft aus!

Ich würde sofort wieder ein Buch von Lily Magdalen lesen. Ja, ich habe meine Kritikpunkte, wann habe ich die nicht. Aber die Atmosphäre, die Liebe zum Detail, so viele kleine und große Aspekte wie die Vögel, die Magie und die subtile Queerness… davon werde ich nicht genug bekommen.

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