Arruzza, Bhattacharya, Fraser – Feminismus für die 99%. Ein Manifest

Arruzza, Bhattacharya, Fraser – Feminismus für die 99%. Ein Manifest

Titel: Feminismus für die 99%. Ein Manifest | Autorinnen: Cinzia Arruzza, Nancy Fraser, Tithi Bhattacharya| Übersetzer: Max Henninger | Verlag: Matthes & Seitz Berlin

Feminismus ist, zumindest als Begriff, im Mainstream angekommen. Es gibt unzählige Strömungen, unterschiedlichste Gruppierungen, die sich oft nicht einig sind und sich tlw. sogar gegenseitig ausschließen. Immer wieder werden Frauengruppen nicht in das eigene Programm integriert, nicht mitgedacht und noch weniger gehört. Feminismus, v.a. der im Mainstream angekommene, muss sich immer wieder (und immer wieder auch zu Recht) die Kritik gefallen lassen, er sei nicht intersektional, er sei eine Freizeitbeschäftigung weißer cis abled Mittelstandsfrauen, die kaum über ihren eigenen Tellerrand schauen.

In meinem Startartikel zu den Brandsätzen im Januar schrieb ich bereits, dass Kapitalismus ein ebenso relevanter Unterdrückungsmechanismus ist wie das Patriarchat, dass man beide beobachten, analysieren und bekämpfen muss. Kurz gesagt: wenn dein Feminismus nicht kapitalismuskritisch ist, ist er nicht intersektional.

Genau diesen Ansatz verfolgen auch die Autorinnen Cinzia Arruzza, Nancy Fraser und Tithi Bhattacharya, und schreiben es in ihrem Manifest Feminismus für die 99% nieder. In 11 Thesen stellen sie die Verbindung zwischen einzelnen Unterdrückungsmechanismen her und sehen im Großen und Ganzen den Kapitalismus als Basis, als die Ursache für alle Unterdrückung – nicht nur in Form von Sexismus, sondern auch bspw. Rassismus und Klassismus.
Die Autorinnen entschlüsseln die Rolle der Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft, zeigen tiefgreifende, fast in die DNA der Gesellschaft eingeschriebene Unterdrückungsmechanismen auf, die speziell und vor allem auch Frauen trifft, und versuchen, Forderungen zu formulieren.

So ganz klar wird leider nicht, was die Autorinnen wollen, außer, dass sich alle, wirklich alle Frauen in allen Ländern zusammenschließen und gegen Unterdrückung kämpfen. Keine Frau soll ausgeschlossen, ungehört, nicht vertreten sein. Sie fordern zudem alle Gruppen, die sich gegen Unterdrückung einsetzen, auf, sich zu verbinden gegen Kapitalismus und Patriarchat.
Arruzza, Fraser und Bhattacharya räumen ein, keinen präzisen Entwurf an Forderungen zu liefern. Aber sie stellen eine präzise Analyse der herrschenden Verhältnisse auf, die das bestehende System kritisiert, manche strömungen des Feminismus, v.a. den liberalen Feminismus, als beste Freundin des Kapitalismus entlarvt und die Notwendigkeit, sich international zu organisieren.

Jedoch konzentrieren sich die Autorinnen in ihrer Internationalität zu sehr auf den globalen Süden und zu sehr auf den Kontrast zum globalen Norden. Was fehlt, sind Gesellschaften der Nordhalbkugel, die nicht zu Europa und Nordamerika gehören: Ostasiatische Länder wie China, Japan und Korea. Muslimisch geprägte Länder, deren Frauen in ihrem Feminismus noch den Aspekt der Religion involvieren. Ein Aspekt, der im westlichen Feminismus zu oft fehlt oder, in Hinblick auf den Islam, als rein antifeministisch betrachtet wird, und auch im Manifest von Arruzza, Fraser und Bhattacharya nicht vorkommt.

Dennoch ist dieses Manifest absolut lesenswert, integriert es als einer der wenigen feministischen Entwürfe eine Kapitalismuskritik, die Kapitalismus nicht nur als weiteren Unterdrückungsmechanismus neben dem Patriarchat sieht, sondern ihn als Ursache moderner Unterdrückung ansieht.

Trotz der ein oder anderen Schwäche sollte es zu einem der Standardwerke der feministischen Lektüre werden.

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