War das genug Sex? – Was Frauen Männern schulden

Vor ein paar Jahren habe ich auf Tinder einen Mann gematcht, der eigentlich von der anderen Seite der Nation kam und in meiner Stadt nur zu Besuch war. Wir haben uns ganz gut verstanden und er wollte für ein Wochenende hochkommen. Gesagt, getan (bitte keine Moralpredigten dass man fremde Männer sowieso nicht einlädt. Ich bin erwachsen und mir meiner Handlungen durchaus bewusst, danke!). Als ich ihn am Hauptbahnhof einsammelte, wollte ich deutlich weniger gern mit ihm Sex haben – Fotos sind das eine, die Realität eine andere. Er war zwar nett, aber so richtig gefunkt hat es nicht. Ich dachte aber “Naja, er ist ja extra so weit gefahren, völlig abgeneigt bist du nicht…was soll’s.” Er war aber drei Tage da, und schon am zweiten Tag fing ich an mich zu fragen, ob ich ihm genug Sex gegeben habe für den Aufwand, den er betrieben hatte um mich zu sehen. Vor allem vor dem Hintergrund der Dating-App, über die wir uns kennengelernt haben, wo es vor allem um Sex geht.

Ihr findet das krass? Übertrieben? Dabei ist dieses Denken, dass Frauen Männern grundsätzlich für alles dankbar zu sein haben, ziemlich verwurzelt und verbreitet.

Schon mal von der Friendzone gehört?

Dass von Frauen erwartet wird, sich Männern gegenüber grundsätzlich dankbar zu zeigen, egal wie klein der Gefallen oder die Handlung des Mannes war, ist nichts neues. Seit einigen Jahren gibt es im Internet aber das Konzept der Friendzone. Es funktioniert so: Ein Mann ist immer unglaublich nett zu einer Frau, ist für sie da, hilft ihr – und diese blöde Kuh erkennt einfach nicht, was für ein toller Kerl er ist und was für einen noch besseren Boyfriend er abgeben würde. Es geht noch einen Schritt weiter, denn die Angebetete nutzt die Gutmütigkeit des Mannes wissentlich schamlos aus und ist somit – Lieblingstitel in den Foren – eine Schlampe.
Sidenote an alle Männer, die jammern, sie seien in der Friendzone: Wenn du nett zu einer Frau bist und im Gegenzug Gefälligkeiten, z.B. intime oder sexuelle oder sogar eine Beziehung erwartest, bist du nicht nett. Dann bist du berechnend und siehst Frauen nur als Objekt, das dir zu gehorchen hat. Das merkt man auch daran, dass du die Frau, die dir netten Kerl eigentlich jede Menge schuldet, wüst beschimpfst wenn sie sich nicht so verhält wie du es erwartest und für dein Recht hältst.
Ich habe noch eine Neuigkeit: Frauen sind keine Snackautomaten, wo du oben was Nettes reinsteckst und unten kommt vor lauter Dankbarkeit Sex/Beziehung raus.

Entgegen des Namens ist die Friendzone kein Produkt einer Freundschaft. Die Friendzone ist das Resultat eines frauenverachtenden Menschenbildes, das sich als Freundschaft mit unerwiderter Liebe tarnt

Erwartungshaltung permanenter Dankbarkeit

Diese Erwartung der permanenten Dankbarkeit wird nicht nur Jungen und Männern unbewusst eingeimpft und mitgegeben. Auch Mädchen und Frauen verinnerlichen diese gesellschaftliche Regel. Es ist ein altes Rollenbild, das da hineinspielt. Der Mann ist der Versorger, er geht arbeiten und sichert damit die finanzielle Sicherheit der Familie. Die Frau ist diejenige, die aus Dankbarkeit für diese Sicherheit den Haushalt macht, die Kinder versorgt und dem Mann sämtlichen Stress vom Leib hält. Diese Rollenverteilung findet sich auch in Beziehungen, in denen beide arbeiten gehen, was inzwischen normal ist. Trotzdem ändert sich nichts an der gesellschaftlichen Erwartung, dass Männer Geber und Frauen Empfängerinnen sind und daher dankbar zu sein haben.

Funktionieren Freundschaften nicht so?

Wenn ein Mann Anstrengungen auf sich nimmt, finanzielle, körperliche (Stichwort: Umzugshelfer) oder mentale (Stichwort: Trösten bei Liebeskummer), kann er eine Gegenleistung nicht nur erwarten, er hat sie auch zu bekommen, andernfalls ist die Frau undankbar oder komisch und kann entsprechend behandelt werden. Z.B. im Internet nach allen Registern beschimpft zu werden.

Freundschaften funktionieren zwar auch nach dem Prinzip des (möglichst) ausgeglichenen Gebens und Nehmens, ungeachtet der Geschlechterverteilung, aber nicht im direkten Bezug aufeinander (Ich gebe dir einen Drink aus, du musst mit mir flirten). In Freundschaften ist man füreinander da, und wenn eine_r Hilfe braucht, hilft die_der andere, und es gibt Zeiten, da gibt eine_r mehr als die_der andere, irgendwann ist es umgekehrt. So funktionieren Freundschaften.
Das Konzept der Friendzone pervertiert dieses Gleichgewicht, indem es nicht nur Gegenleistungen zeitnah (wenn nicht sofort) einfordert, sie sind auch unangemessen. Selbst wenn mir jemand über Jahre beim Umzug hilft oder mal ein Bier ausgibt, mich bei Liebeskummer tröstet oder mir nach nervigen Arbeitstagen zuhört, bedeutet das noch lange nicht, dass ich ich diesem Freund irgendetwas schulde (was nicht heißt, dass ich das gleiche nicht für ihn tue!). Ich schulde ihm weder einen Blowjob noch einen Kuss, eine heiße Nacht oder, was ja das angeblich eigentliche Ziel der Anhänger der Friendzone ist, gar meine Gefühle, mein Herz und eine Beziehung.

Die Angst vor dem, was passieren könnte…

Und auch dem Mann, der mich für ein Wochenende besuchte, schuldete ich keinen Sex. Ich wusste aber nicht, wie ich mit den Szenarien, die sich in meinem Kopf abspielten, umgehen sollte, hätte ich ihm gesagt: “Sorry, aber ich will doch nicht, und ich will auch nicht, dass du bei mir schläfst.” Es klingt verstörend, aber ich ging (und gehe!) davon aus, dass der Weg, den ich gewählt habe, der deutlich entspanntere war. Es gab keine angespannten Momente, ich setzte mich nicht der Gefahr von Aggression aus.
Ich übertreibe? Doch das ist es, was uns Frauen von klein auf eingetrichtert wird: du bist das schwache Geschlecht, du musst immer Angst vor (sexualisierter) Gewalt haben. Sei nachts nicht in dunklen Straßen unterwegs, trage keine sexy Kleidung, habe auf dem Heimweg deinen Schlüssel in der Faust…Sexualisierte Gewalt kann dir immer widerfahren, vor allem aber dann, wenn du dich nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechend verhältst oder gar gegen die Konventionen aufbegehrst. Wenn Nora Amin schreibt “Sie [die Ehefrau/Mutter] wurde verprügelt um auf Kurs gebracht zu werden”1, beschreibt sie nicht nur die Situation einer ägyptischen Frau. Das passiert auch deutschen Frauen, russischen Frauen, us-amerikanischen Frauen, und zwar auch aus genau solchen Gründen: Die Frau auf Kurs zu bringen, ihr ihren Platz zuzuweisen, ihr zu zeigen, wie sie ihre Rolle auszufüllen hat. Die Dankbarkeit, die Frauen Männern für jede noch so kleine Geste entgegenbringen sollen, ist also nicht nur eine gesellschaftlich normierte Erwartungshaltung, es ist auch ein Schutzmechanismus, um als Frau potenzieller Gewalt aus dem Weg zu gehen.

Die Dinge ändern sich. Langsam.

Inzwischen werden viele Mädchen dazu erzogen, dass sie Jungs und Männern eben nichts schulden, nur weil der nette Nachbarsjunge geholfen hat, den Fahrradschlauch zu wechseln oder zum Valentinstag Blumen geschenkt hat. Dass viele Jungen und Männer aber nach wie vor diese Erwartungen haben zeigt sich in dem misogynen Konzept der Friendzone oder den Reaktionen, wenn Frauen trotz ausgegebenem Drink nicht zu einem Quickie in der Seitenstraße oder wenigstens wilder Knutscherei bereit sind. Es ist also zu kurz gedacht, wenn emanzipatorische, feministische Erziehung nur auf Mädchen zielt. Es ist wichtig, Mädchen ein stärkeres Selbstwertgefühl und mehr Unabhängigkeit mit auf den Weg zu geben, aber auch das gesellschaftliche Rollenkonzept von Männern muss aufgebrochen werden. Jungen muss beigebracht werden, dass Mädchen und Frauen keine Objekte sind oder zweitklassige Menschen sind, die nur zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse da sind und ihnen für jede Aufmerksamkeit dankbar sein müssen.

Frauen schulden Männern nichts, schon gar nicht auf intimer, sexueller Ebene. Nicht für einen Gefallen, nicht für Hilfe innerhalb einer Freundschaft, nicht für irgendwas, nicht dafür, dass sie Frauen sind.


1. Nora Amin, Weiblichkeit im Aufbruch.

7 Kommentare zu „War das genug Sex? – Was Frauen Männern schulden“

  1. Was für mich da auch immer mit einhergeht, ist die gesamtgesellschaftliche Abwertung von platonischer Liebe und platonischen Beziehungen – mensch sei ja „nur“ befreundet, wolle „mehr“ als Freundschaft. Da ist Freundschaft auch nur der minderwertige zweite Preis, und das vermischt mit Sexismus ist eine echt giftige und gefährliche Mischung. Wobei Sexismus den deutlichen größeren und gefährlicheren Teil ausmacht, ich bin da ganz bei dir: Jungen und Männern muss beigebracht werden, dass diese Erwartungshaltung falsch ist. (Ich find es auch immer so krass absurd. Ich helfe doch Menschen, weil ich mir Sorgen um sie mache und weil ich möchte, dass es ihnen besser geht. Klar hoffe ich auch, dass die Person, wenn wir gut befreundet sind, auch für mich da sein wird – immer nur als „emotional support“-Puppe genutzt zu werden, ist dann auch keine gesunde Freundschaft mehr -, aber ich führe doch keinen Katalog à la „ich gebe das, dann kriege ich jenes“.)

  2. Danke Mareike für diesen Post.
    Ich merke gerade, wenn ich Deine Artikel lese, das ich auch noch ziemliche „Altlasten der eigenen Erziehung“ mit mir rumtrage.
    Deinen Schlussaspekt hinsichtlich der Erziehung von Jungs finde ich sehr wichtig. Leider stelle ich sowohl im Bekanntenkreis, als auch in den Schulen meiner Mädchen fest, dass Jungs dort oft „übergriffig“ in unterschiedlichster Form werden und dies dann als „sind halt Jungs…“ toleriert wird.
    Liebe Grüsse und schönes WE
    Isabel

  3. So ein wichtiges Thema! Und gerade beim Hypen des Konzepts ‚Friendzone‘ haben echt auch große Teile der Gesellschaft etwas zu lernen, nicht nur die entsprechenden Typen. Und Grenzfälle bei Konsens durch Gefahr, Abhängigkeit o.Ä. sind a thing und darüber sollte mehr gesprochen werden.

    Danke für diesen Artikel!

  4. Toller Beitrag!
    Das Konzept „Friendzone“ hat sich aus meiner Perspektive auch ziemlich verändert. Früher kannte ich es nur als simples und wertungsfreies „Person 1 möchte eine Beziehung und Person 2 nur Freundschaft“, aber diese Erwartungshaltung und Empörung darüber, dass Person 2 keinen Sex will, kam dann immer stärker dazu und schwingt da jetzt ganz automatisch mit, was ich schrecklich finde. Zumal diese Rollenverteilung Mann-Frau da ganz klar gegeben ist, ich habe nämlich noch nie gehört, eine Frau wäre in der Friendzone.
    Erschreckend finde ich auch, dass ich bei deiner Schilderung des Wochenendes ohne darüber nachzudenken genau das gleiche getan hätte. Schlimm, dass man als Frau oft tatsächlich eher etwas macht, was man nicht möchte, als einen Konflikt zu riskieren.
    Danke für deine wichtigen Texte!

    1. Hey Jaquy,
      ich habe die Friendzone nur in der ekeligen Form kennengelernt. Lag vielleicht auch an der 9gag-Community, aber naja. Aber auch ohne die gewalttätigen Konnotationen fände ich das Konzept strange. Wenn du eine Beziehung willst, dein_e Freund_in aber nicht, dann bist nicht in der Friendzone, sondern in einer Freundschaft mit unerwiderter Liebe. Gibt es schon so lange wie die Menschheit.

      Das Wochenende hat mir damals auch hart die Augen geöffnet. Ich habe daraus auch Konsequenzen gezogen, und seit letztem Oktober sieht die Sache nochmal anders aus. Trotzdem ändert es nichts daran, dass ich damals schon feministisch geschrieben und mich trotzdem so verhalten habe… Vor allem ist Konflikt nicht gleich Konflikt. Ich habe keine Probleme damit, mich mit jemandem zu streiten, aber wenn ich das GEwaltpotenzial nicht einschätzen kann, lasse ich es lieber.

      Hab einen schönen Tag 🙂
      Mareike

      1. Stimmt, kommt immer auf den Kontext an, in dem man den Begriff kennenlernt. Und klar, das Konzept ist nicht neu, aber die Bezeichnung eben.

        Es gibt generell auch oft einen großen Unterschied dazwischen, zu wissen wie man sich theoretisch (feministisch) verhalten sollte und ob man es in bestimmten Situationen auch gefahrlos praktisch umsetzen kann. Rückblickend kann man das in vielen Fällen genauso wenig einschätzen, deshalb kann man nicht mal davon reden, sich vielleicht „falsch“ verhalten zu haben. Sowas macht es dann wirklich schwer, Konsequenzen daraus zu ziehen, für den Fall dass man noch mal in einer ähnlichen Situation landet.

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