[Gastbeitrag] Fanfictions und Feminismus

Foto: Nick Morrison

Im August und September dieses Jahres sollten eigentlich die Feminist Input Weeks auf meinem Blog laufen. Da ich aber der Meinung war, ein gebrochenes Handgelenk sei das Accessoire für den Herbst, habe ich kurzerhand einen Stunt hingelegt und zack – Blog und alle Aktivitäten lagen auf Eis.

Aus den FemInWeeks sind aber noch ein paar Artikel und Rezensionen offen und übrig geblieben. Z.B. der Artikel über Fanfictions und Feminismus von Aurelia. Den möchte ich euch nicht weiter vorenthalten. Viel Spaß beim Lesen!

Vielen Dank an Aurelia für diesen Artikel.


Fanfictions und Feminismus: Euer Gelächter ist gefährlich

Fandom ist ein zweischneidiges Schwert. In den letzten Jahren haben mehrfach reaktionäre Fans von etablierten Franchises wie „Star Wars“, „Ghost Busters“ oder selbst „Doctor Who“ vor allem in der Form von sich reden gemacht, dass sie gegen Schauspielerinnen protestiert oder sie schlicht und ergreifend so schwer belästigt haben, dass sie ihre Social Media Kanäle gelöscht haben, wie z.B. Kelly Marie Tran, die Rose Tico in „The Last Jedi“ gespielt hat1. Diese Ausprägung von Fandom ist vor allem eins: Reaktionär, frauenfeindlich und eine ständige Erinnerung daran, dass allein das Wort „Fan“ von „Fanatic“ (dt. „Fanatiker*in“) kommt. Gleichzeitig gibt es auch Räume in Fandoms, die schon immer für das genaue Gegenteil wichtig waren und es heute noch sind. In Zeiten, in denen z.B. alleinstehende Frauenfiguren als Protagonistinnen im Kanon undenkbar gewesen wären, waren solche Figuren an einem Ort schon Gang und Gäbe: Fanfictions. Und das prominenteste Beispiel? Star Trek.

Eine kurze Geschichte der Fanfictions

Grundsätzlich ist es eine Frage der Definition, was man als älteste Fanfiction und ältestes Fandom ansieht. Vergils Aeneis? Fanfiction zum Troja-Stoff. Shakespeare? Fanfictions zu Kleopatra, Cäsar und mehr. Goethe? Fanfiction zu Marlowes Faust. Die Übergänge sind fließend, aber als modernes Phänomen von privaten, nicht zwingend zur kommerziellen Veröffentlichung geschriebener Geschichten im Kontext von Fankultur ist Star Trek die Großmutter aller Fanfictions.
Noch vor dem Internet veröffentlichten Fans im Selbstverlag ihre eigenen Texte über die Dinge, die sie an ihrer Lieblingsserie faszinierten. Gedichte, die Spock in seiner Jugend geschrieben haben könnte, Überlegungen zur Physiologie oder Psychologie von Vulkaniern und eben auch eigene Geschichten. Schon in der ersten Ausgabe2 des ältesten Star Trek-Fanzines „Spockanalia“, die im September 1967 zum ersten Mal in Druck ging, war nicht nur alles davon vertreten, sondern wohl auch die meisten Autorinnen Frauen. In dieser Zeit waren Fanfictions noch viel stärker ein Ausdruck von Subkulturen als heute und unter anderem aus Fanfictions heraus wie denen, die in „Spockanalia“ in den späten 60er Jahren veröffentlicht wurden, veränderte sich Teile bestimmter Fandoms.
Fanfictions wurden mit dem Internet zum Massenphänomen, was sogar so weit ging, dass die Autorin Anne Rice 2001 der Plattform fanfiction.net anwaltlich verbot, eine Kategorie für Rice oder ihre Bücher auf der Seite zu haben. Der Grund? Fanfictions benutzen Figuren, die sich ihre Autor*innen nicht selbst ausgedacht haben, und Rice – die ironischer Weise selbst vier Bände einer BDSM-Fanfiction lose basierend auf Dornröschen veröffentlicht hat – pochte auf ihr Copyright. Die Folge daraus war allerdings kein Ende von Lestat-Fanfictions, sondern nur eine Veränderung des Rahmens. Auf Archive of Our Own, wo seit 2007 vor allem englischsprachige Fanfictions veröffentlicht werden, sind derzeit 852 Werke3 zu den „Vampire Chronicles“ von Rice gelistet, fanfiction.net dagegen hält sich bis heute an Rices Verbot. Und auch wenn Rices Verbot einen ersten Copyright-Einschnitt markiert hat: Es ging weiter.
Mit einer neuen Generation Jugendlicher, die im Internet quasi groß zu werden begannen, und dem wachsenden Einfluss von zuerst Foren und schließlich tumblr wuchs auch die Reichweite von Fanfictions. Harry Potter, Twilight, One Direction. Fanfictions bekamen eine solche Reichweite, dass schließlich das scheinbar vollkommen Absurde geschah und Geschichten wie „50 Shades of Grey“, der als Twilight-Fanfiction „Master of the Universe“ begonnen hatte, regulär verlegt und schließlich verfilmt wurden.

Fanfictions sind die Hintertür der Repräsentation

Im Grunde haben also Fanfictions als Phänomen einen weiten Weg von selbstverlegten Fanzines zu einer riesigen Filmproduktion hingelegt. Dass mit ihrem Aufstieg auch inzwischen insgesamt mehr Frauen in vielen Franchises sichtbar sind, liegt nicht allein an Fanfictions, ist aber trotzdem auch kein Zufall. Mit dem Internet hat sich Fandom noch einmal mehr verändert und die Löcher der Repräsentation, die Fanfictions als Subkultur schon immer häufig geschlossen haben, stehen inzwischen im Zentrum von Fandoms.
Wo früher Frauen im Zentrum von bestimmten Geschichten undenkbar waren, waren sie in Fanfictions von Anfang an normal. Wo sich die professionelle Buchbranche nach wie vor mit allem sträubt, Inhaltswarnungen in ihren Publikationen z.B. im Impressum unter zu bringen, sind solche Warnungen bei Fanfictions normal. Und mit der großen Reichweite, die Fanfictions heute haben können, normalisieren sie diese Dinge mit. Das gilt selbstverständlich im Guten wie im Schlechten, aber egal wie man es dreht und wendet: Fanfictions sind und bleiben häufig eine Hintertür in nicht besonders inklusive Geschichten und erzeugen zum Teil eine fangeschaffene Diversität, von den die Originale häufig weit entfernt sind, nicht obwohl, sondern weil ihre Autor*innen sich häufig auch selbst darin abbilden.

Fanfictions sind normal – Und Spott unangebracht

Genau deshalb ist allerdings auch der Spott über Fanfictions und die damit verbundene Arroganz so unangebracht: Ja, viele Fanfictions sind nicht besonders gut geschrieben. Ja, sie sind vorhersehbar. Ja, sie bilden häufig die immer gleichen Tropes, wie z.B. den der Mary Sue4, ab. Und ja, ein Teil, wenn auch bei weitem nicht alle, ihrer Autor*innen sind sehr jung. Aber auch ja, dieser Spott ist als solcher schon häufig stark gegendert.5 Und auch ja, er beruht meistens unterschwellig auf der Annahme, dass die Dinge, die junge und weibliche Fans mögen, automatisch weniger wert sind.6
Denn dieser Spott ignoriert, dass die entscheidende Funktion von Fanfictions nicht dieselben sind wie die eines normalen Romans, sondern dass Fanfictions in sehr vielen Fällen eben Fantasien sind, die im Guten wie im Schlechten eine Lücke in bestimmten Franchises und Fandoms schließen. Fanfictions empowern. Fanfictions und Fanart schaffen häufig Repräsentation, wo zuvor keine war. Fanfictions sind auch teilweise safe spaces für Leute, die sonst in einem Fandom ausgeschlossen werden. Nicht alles daran ist gut, nicht alles ist schlecht, aber diese Dimension zu vergessen, bedeutet zu vergessen, wie Fanfictions im Grunde sehr feministische Ideen transportieren und normalisieren und schon lange normalisiert haben. Und diese Dimension sollten wir alle sehr viel häufiger loben.

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