[Rezension] Sandra Vahle, Mary Green – (k)eine Frau zum Verlieben

Titel: (k)eine Frau zum Verlieben | Autorinnen: Sandra Vahle, Mary Green | Verlag: epubli
Danke für das Rezensionsexemplar!

Triggerwarnung: Rassismus, Sexismus

Worum geht’s?

Romantische Liebe wird in unserer Zeit und vor allem der Generation 18-35 gerne belächelt. Warum sollte man sich wirklich auf jemanden einlassen, wenn nur einen Wisch weiter das nächste Abenteuer wartet?
Die Autorinnen sind Verfechterinnen der romantischen Liebe, aber bis die auftaucht, kann man das Singleleben genauso gut in vollen Zügen genießen, oder nicht?

Wie war’s?

Vorweg: ich hatte mich zwischenzeitlich schon mit einer der Autorinnen in Verbindung gesetzt, weil ich das Buch ziemlich problematisch finde. Sie erzählte mir, dass das ganze Buch im Grunde eine Satire sei. Das Problem: bei mir zündete die Ironie an keiner Stelle, und auch, als ich wusste wie ich es lesen sollte, wurde es nicht besser. Allerdings erkannte ich schließlich, dass wohl so ziemlich alle Singleratgeber auf den Arm genommen werden sollte.

Warum ich mich bei der Autorin gemeldet habe?
Weil ich auf fast jeder Seite Stellen markiert habe, die mich stören. Rassismus, Sexismus und Reproduktion des gesellschaftlichen Männerbildes, Transexklusion, Lobhuldigung von Monogamie und (mehr oder weniger) Verteufelung anderer Beziehungskonzepte wie Polyamorie…

Rassismus: Auf einer Seite verwendenden die Autorinnen die längst als diskriminierend anerkannte Bezeichnung „Zigeuner“ benutzt, und zudem in einem abwertenden Kontext.
Wichtig: ich unterstelle beiden Autorinnen keine rassistische Grundeinstellung. Egal wie antirassistisch man eingestellt ist, man kann immer noch rassistische Begriffe verwenden wenn einem die Diskussion nicht bekannt ist.

So, es geht ans Eingemachte.

Als einer der ersten, sich wiederholenden Tipps, um als Frau das Singleleben genießen zu können, soll man sich einen neuen Look (und ein „sündhaft teures Kleid“ shoppen, S. 18) zulegen und, damit der Po nicht fett wird, Sport machen, damit „du dich fantastisch fühlst“ – denn natürlich kann man sich nur mit Sport so fühlen. Oh, und wenn man erstmal keine Ahnung hat, wie der neue Stil aussehen soll, gibt es direkt das heilige Trio aus Longbob, einem Lederteil und Espandrillos (S. 28). Ein paar Seiten später aber heißt es „…und du bist DU! Und DU bist toll und genug so wie DU bist!“ (S. 30) Ja was denn nun? Bin ich nun toll? Oder nicht? Oder erst mit Standardfrisur und seltsamem Schuhwerk?
Weitere Punkte des Frauenbildes in diesem Buch:
Schnurren wie zufriedene Kätzchen (S. 48)
Man muss früher oder später mit jeder Frau ins Ballett (S. 49)
Streben auf lange Zeit die lange, tiefgründe, wahre, romantische Liebe an (S. 51)

Polygamie wird allgemein als nicht gerade erstrebenswert angesehen. Das Konzept der Beziehungsanarchie ist sicherlich nicht für jeden etwas, aber es mehrfach als nicht tragbar darzustellen ist mir etwas too much.
In dem Buch werden einige schiefgelaufene Dates und Affären beschrieben. Bei einer dieser Affären kam später raus, dass der Angebetete mehrere Freundinnen gleichzeitig hatte, und nur davon erzählte wenn man ihn direkt drauf ansprach. Ansonsten dachten alle seine Freundinnen, sie seien die Einzige für ihn. Ich war mir nicht sicher, was jetzt das Problem war. Die Unaufrichtigkeit des Mannes (was ich nachvollziehen könnte) oder dass er mehrere Freundinnen hatte, und sie nicht seine „Hauptfreundin“, sondern die Einzige für ihn sein wollte? (S. 16)
An anderer Stelle schreiben die Autorinnen: „…wenn Mann so viele Blumen wie möglich gießen möchte, werden sie alle nach und nach dahinsiechen.“ (S. 17) Das würde bedeuten, dass polyamore Beziehungen grundsätzlich nicht funktionieren. Oder doch nur polyamore Beziehungen mit einem Mann und vielen Frauen, aber eine Frau mit mehr als einem Mann kann das wuppen? Mir ist das zu einseitig.

Übrigens, Kontakt zum Exfreund sollte man auch nicht mehr haben, denn „ein neuer potentieller Partner davon zu Recht nicht begeistert wäre“, und nur wenn keine Gefühle mehr im Spiel sind, „darf“ ich eine Freundschaft pflegen (S. 29). Danke, oh gnädige Autorinnen, dass ich doch mit meinen Exfreunden Kontakt haben darf. Oh, aber wenn ich Sex mit einem meiner Exfreunde habe, bin ich noch nicht durch mit ihm und sollte Abstand halten. Ich erhebe an dieser Stelle Einspruch.

Richtig Spaß hatte ich auch mit der Stelle, als eruiert wurde, dass es kein Äquivalent von „Schlampe“ für Männer gibt (S. 33). Die Vorschläge an sich waren nur peinlich, aber ich hätte da eine ganz revolutionäre Idee: wir verurteilen einfach NIEMANDEN für sein wie auch immer geartetes Sexualleben, egal ob viele oder wenige Partner_innen im Spiel waren.

Oh, überhaupt was das Männerbild in diesem Buch angeht, hier ein paar Perlen
„Männer sind Meister, was Egoismus anbelangt.“ (S. 38)
„ein Mann hat eine schöne Stimme, wenn sie tief und männlich ist. Transmänner haben vor der Transition i.d.R. aber eine hohe Stimme, ergo: hohe Stimme, kein Mann.“
Zum (ersten?) Date soll der Mann gerne eine Aufmerksamkeit mitbringen: „Ein Überraschungsei,…ein Zettel an der Windschutzscheibe (ist das nicht etwas creepy?), oder ein Minnegesang samt Gitarrenbegleitung um Mitternacht! (Hier war ich das erste Mal am Überlegen, ob das nicht vielleicht alles ein Scherz ist) Eine einzelne Sonnenblume oder eine Flasche Hugo…“ (S. 47)
Für das Date bitte ordentlich anziehen, und wenn man so gar kein Händchen für Mode hat, soll man bitte seine Schwester, gute Freundin oder – kein Scherz – seine Mutter fragen. Achja, und das Duschen bitte nicht vergessen. Es gab zwar das Date mit dem ungeduschten Golftrainer, aber in der Regel kann man davon ausgehen, dass Männer dem alter eines 13Jährigen entwachsen sind… (S. 49)
Der Mann soll sich bitte auch was Kreatives für das Date überlegen und den Ton angeben.
Achja, und Freundschaft Plus, Nichtbeziehung, etc. nimmt ein Mann in Anspruch „weil du ein Mann bist“ (S. 51)

Ich habe noch mehr Punkte wie der Traumprinz, der standartmäßig multiple Orgasmen verteilt, oder dass man in Momenten, in denen man mit „Idioten schlafen“ will, auf Alkohol zurückgreifen soll – denn „Alkohol ist ein treuer und verlässlicher Freund“. Warum ich den Spruch „Wenn du dich nicht selbst liebst, dann wird es auch kein anderer tun“, der nicht nur in dem Buch sondern auch regelmäßig woanders zu lesen ist, problematisch finde, ist Thema eines anderen Artikels. Für einen kleinen, dünnen Mann wäre der passende Gegenpart „ein umoperierter Mann“ oder „eine kleinwüchsige Magersüchtige“ (S. 97)

Wie gesagt, ich erfuhr irgendwann, dass dieses gesamte Büchlein von 114 Seiten reine Satire sein soll, es ist alles ironisch gemeint. Nun halte ich mich in der Regel für einen sehr humorvollen Menschen, der auch Ironie und Sarkasmus versteht, und zwischenzeitlich fand ich das Buch so absurd dass ich tatsächlich dachte „Das können die nicht ernst meinen!“ Wenn die Stellen, die ich markiert habe, nochmal lese, sehe ich schon, dass es durchaus überzogen sein könnte. Dennoch ändert das nichts an einem Schreibstil der unbewusst rassistisch ist (ich habe eine der Autorinnen darauf angesprochen, sie war sich der Problematik nicht bewusst), jede Menge Sexismus und Geschlechterrollenklischees reproduziert und dabei ausschließlich auf das binäre Geschlechtersystem zurückgreift.
Selbst mit dem Bewusstsein, dass das komplette Buch satirisch gemeint ist, finde ich es in etwa so witzig wie Fußpilz.

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