[Rezension] Erin Kelly – vier. zwei. eins.

Titel: vier. zwei. eins. Vier Menschen. Zwei Wahrheiten. Eine Lüge (affiliate Link) | Autorin: Erin Kelly | Übersetzerin: Susanne Goga-Klinkenberg | Verlag: Fischer Scherz
Danke für das Rezensionsexemplar

Worum geht’s

Laura und Kit sind auch nach einem halben Jahr Beziehung noch frisch verliebt, als sie in Cornwall bei einem Festival sind, um eine totale Sonnenfinsternis zu erleben. Als der Mondschatten weiterzieht, wird Laura Zeugin einer Vergewaltigung und ruft die Polizei. Der Mann bestreitet alles, die Frau schweigt.

15 Jahre später leben Laura und Kit abseits der sozialen Medien, unter falschem Namen, nahezu nur Freunde und Bekannte von früher. Während Kit sich auf den Weg in den Norden macht, um einer weiteren totalen Sonnenfinsternis beizuwohnen, bleibt Laura hochschwanger mit ihrer Angst zu Hause. Sie macht sich immer wieder verantwortlich für die Situation, in der sie und Kit nun leben müssen, denn seit 15 Jahren trägt sie ein Geheimnis mit sich herum. Aber vielleicht ist sie nicht die Einzige mit einem Geheimnis. Und vielleicht hätte Kit lieber da bleiben sollen…

Wie war’s?

In vier. zwei. eins. dreht sich alles um eine Vergewaltigung vor 15 Jahren, die alle Beteiligten – Vergewaltiger, Survivor, Laura und Kit als Zeugen – nachhaltig für ihr Leben prägt. Die Geschichte springt immer wieder zwischen den Ereignissen vor 15 Jahren und der Gegenwart hin und her, erzählt wird aus den Perspektiven von Kit und Laura. Nach und nach dröseln sich einzelne Stränge auf, verweben sich neu und ergeben endlich ein komplettes Bild.

Die Idee des Romans ist spannend: wie wirkt sich eine Vergewaltigung nicht nur auf das Opfer aus, sondern auch auf die Zeugen? Dabei verzichtet Kelly auf außergewöhnliche Charaktereigenschaften und zeichnet durchweg Charaktere „von Nebenan“. Am Ende kann man jede Handlung, jede Überlegung von Kit, Beth, Laura und Jamie vielleicht nicht verstehen, aber bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, denn einen Teil von sich oder Bekannten findet man in ihnen allen wieder. Und man fragt sich an mancher Stelle, wie man selbst gehandelt hätte.

Ich wollte diesen Roman lesen, weil es auch um eine Vergewaltigung geht. Die steht allerdings irgendwann im Hintergrund, und es geht vielmehr um das Beziehungsgeflecht zwischen den vier o.g. Personen, was daraus wuchs und wieso Kit und Laura abtauchen mussten. Die Vergewaltigung ist „nur“ noch die Tat, mit der alles begann. Trotzdem werden, gerade in dem Teil, in dem der Prozess gegen den Täter geschildert wird, immer wieder Aspekte eingeflochten, die man aus dem gesellschaftlichen Diskurs über Vergewaltigung und Rape Survivors kennt. Dass Geschädigte dem Gericht, vor allem aber der Verteidigung, ihr Sexualleben bis ins kleinste Detail aufzählen, sich dieser Demütigung und der Bewertung aussetzen müssen. Dass kämpferischen Frauen eher weniger geglaubt wird als schüchternen, sanfteren Frauen. Dass Menschen, die vergewaltigt wurden, die Folgen in jedem Bereich ihres Lebens spüren.

Trotzdem konnte mich „vier. zwei. eins.“ nicht so ganz packen. Das ständige Springen zwischen den Zeiten und Perspektiven hält zwar einen gewissen Spannungsbogen aufrecht – aber jeden Bogen kann man auch überspannen. Die Geschichte zog sich immer wieder und ich musste ich zwingen, weiterzulesen.

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