[Rezension] Elisabeth Herrmann – Zartbittertod

Zitel: Zartbittertod (affiliate Link) | Autorin: Elizabeth Herrmann | Verlag: cbj

 

Triggerwarnung

In diesem Buch kommt Rassismus vor, in der Rezension wird auch rassistische Sprache besprochen

 

Worum geht’s

Mia will Journalistin werden. Nein, eigentlich will sie die Chocolaterie ihrer Eltern übernehmen, aber das soll schon ihr ältester Bruder machen. Also Journalismus. Für die Aufnahme an einer Journalistenschule soll sie die Geschichte eines Familienfotos recherchieren. Und Mias Familiengeschichte ist alles andere als langweilig. Ihr Urgroßvater Jacob war schwarz und kam als Kind dem heutigen Namibia, nach Deutschland, und ging bei einer der heute bekanntesten Chocolatiers in die Lehre. Irgendwann überwarf sich Jacob mit seinem Lehrherren und ging nach Meißen, um dort seine eigene Chocolaterie aufzumachen.
Doch wieso wurde er von seinem Lehrherren überhaupt nach Deutschland gebracht? Warum haben sie sich so gestritten? Und warum will Mias Familie bis heute nichts mit den Lüneburgern zu tun haben? Mia reist nach Lüneburg und noch bevor sie ankommt passiert der erste Mord. Nach und nach deckt sie die Geschichten zweier Familien auf und entdeckt Kaltherzigkeit, Liebe, Kolonialismus und sehr viel Rache.

Wie war’s?

Deutsche Kolonialgeschichte? Deutschland hatte Kolonien?!

Die deutsche Kolonialgeschichte wird nach wie vor totgeschwiegen. In der Schule hat man höchstens, dass Kaiser Wilhelm auch „sein Stück vom großen Kuchen wollte“, und ansonsten waren die brutalen Kolonialmächte Frankreich, Spanien und vor allem natürlich England. Deutschland? Ach, das hatte doch gar nicht viele Kolonien und auch nur kleine und auch nicht lang…
Dass Deutschland auch in der „kurzen“ Zeit von 30 Jahren in Namibia, damals Deutsch-Südwestafrika, direkt einen Völkermord begangen hat, nämlich den an den Herero und Nama, wird in keinem Geschichtsunterricht auch nur mit einer Silbe erwähnt.

Dafür jetzt in diesem Thriller, in dem eben dieser Völkermord und die deutsche Kolonialzeit in Namibia, damals Deutsch-Südwestafrika, eine zentrale Rolle spielen. Elisabeth Herrmann hat dafür gut recherchiert und flechtet teilweise Zitate aus einem Buch ein, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschien. Dieses Buch ist derartig von Rassismus durchdrungen, und die „Denkmuster des Nationalsozialismus [sind] überdeutlich zu erkennen“ (Nachwort, S. 474), bildet aber auch die Grundlage für die uralten Briefe, die in diesem Thriller Licht auf die Geschichte und vor allem den Charakter eines Mannes werfen, der eine besondere Rolle spielte.

Die Sprache

Rassismus ist in Zartbittertod immer wieder Thema. Direkt zu Beginn des Buches schreibt Herrmann: „Nur dort, wo es unumgänglich war, habe ich Bezeichnungen verwendet, die heute glücklicherweise aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind.“ Und es stimmt: nur in den historischen Briefen eines zutiefst rassistischen, vom kolonialem Herrschaftsgedanken durchdrungenen Mannes findet man herabwürdigende Sprache. Auch das Konzept von „Reverse Racism“, also dem Rassismus gegen Weiße, wird kurz behandelt – und als Quatsch abgetan (zur Info: Mia ist white passing, sie sieht also aus wie eine Weiße, trotz ihrer Schwarzen Vorfahren):

„Seltsam. Wenn es mich schockieren würde, dass ich mit einer Schwarzen verwandt bin, wäre ich gleich in der rechten Ecke“, sagte [Mia], ohne nachzudenken. „Zu Recht. Vergleich doch einfach mal, wer was im Lauf der Geschichte erdulden musste.“

Kritische Punkte bei der Sprache

Herrmann versucht, sehr sensibel mit dem Thema Rassismus und Kolonialismus umzugehen, auch was die Sprache angeht. Als Weiße kann ich nicht endgültig beurteilen, ob die Sprache des Thrillers außerhalb dieser Briefe gänzlich gewaltfrei ist. Ein paar Punkte sind mir allerdings aufgefallen. So wird die Hautfarbe des Urgroßvaters Jakob einmal als nicht schwarz, sondern „eher mokka“ (S. 17) bezeichnet, was, wie Noah Sow in Deutschland Schwarz Weiß (affiliate Link) beschreibt, eine lächerliche Beschreibung für Hautfarben ist. Das gleiche gilt für die Bezeichnung „farbig“, die ebenfalls benutzt wird.
An anderer Stelle wird der Völkermord an den Herero und Nama als Holocaust bezeichnet (S. 319). Das ist deswegen schwierig, weil es in der Geschichte keine derartig industriell aufgezogene, von A bis Z durchgeplante Vernichtung eines Volkes gegeben hat. Diesen Begriff für andere Völkermorde zu benutzen birgt das (ungewollte) Risiko der Relativierung durch Vergleich. Es gab aber nichts Vergleichbares wie den Holocaust. Das bedeutet nicht, dass der Völkermord an den Herero und Nama in irgendeiner Weise nicht grausam und menschenrechtswidrig war, und die Herero völlig zu Recht Entschädigung fordern. Dennoch bezeichnet der Begriff „Holocaust“ den in der Geschichte einzigartigen Vernichtungsversuch an den Juden und sollte auch nur dafür verwendet werden.

Empfehlung oder nicht?

Trotz der kritischen Punkte in der Sprache ist Zartbittertod ein unglaublich spannender (Jugend-)Thriller. Das Tempo ist angenehm schnell, nur manche Charaktere waren etwas schablonenhaft (der kalte Vater mit den reinen Wirtschaftsinteressen, die exzentrische Unternehmergattin). Der deutsche Kolonialismus, heutiger Rassismus und die Nachwirkungen in Namibia werden so gekonnt in die Story mit eingeflochten, dass man hinterher mehr über die deutsche Kolonialgeschichte weiß als aus dem Schulunterricht.
Außerdem schafft der Thriller etwas, das nur wenige Vertreter dieses Genres schaffen: er macht neugierig, bei einem der zentralen Themen weiter nachzuforschen und sich auseinanderzusetzen. Aber vielleicht ist das auch meinem unstillbaren Wissensdurst geschuldet.

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