[Rezension] Dilek Güngör – Ich bin Özlem

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Danke für das Rezensionsexemplar

Titel: Ich bin Özlem | Autorin: Dilek Güngör | Verlag: Verbrecher Verlag

Worum geht’s?

Özlem ist verheiratet, hat zwei Kinder, und denkt in jüngster Zeit verstärkt über ihre türkischen Wurzeln nach, über das Anderssein in einer Gesellschaft, die im Anderssein Unterschiede macht. Bist du US-Amerikaner, bist du gut anders, bist du Türkin bist du negativ anders. Özlem kann nicht mehr schlucken, was ihr an Alltagsrassismus entgegengeschleudert wird, wenn über Ausländer und Türken gesprochen wird, aber “dich meinen wir natürlich nicht, du bist anders”. Wieder das Anderssein. Aber kann sie auch ohne ihr Türkischsein Özlem sein? Oder “gibt es [an mir] nichts Interessantes außer meinem Türkischsein?” (S. 81)

“Werde ich jemals etwas anderes, jemand anderes sein als Türkin? Ich bin die Fragen und Vorstellungen der anderen leid, und doch bin ich selbst diejenige, die sich daran festklammert, als ginge ich sonst unter. Ich selbst mache auch mir eine Türkin. Ich habe Freunde, die erst mit vierzehn aus Moskau oder aus Zagreb nach Deutschland gekommen sind… Stundenlang kann ich mich mit ihnen unterhalten, ohne dass sie sagen ‘bei uns in Zagreb’ oder ‘wir Russen’. Ich aber, die ien paar Sommer bei ihren Großeltern verbracht hat und ansonsten von dem lebt, was ihr die Eltern erzählt haben, spreche fortlaufend von ‘uns Türken’ und phantasiere mir eine türkische Biografie zurecht.” (S. 107)

Wie war’s?

Ich bin Özlem ist ein interessanter Einblick in den Kopf von jemandem, die deutsch ist und türkische Wurzeln hat. Özlem bekocht ihre Freunde, will die perfekte Gastgeberin sein – und hat eigentlich so gar keine Freude am Kochen. Aber das macht man so, das hat ihre Mutter ihr beigebracht. Sie spricht von “bei uns in der Türkei” und fährt nur ab und zu in den Ferien in das Dorf ihrer Großmutter.

Özlem ist Anfang oder Mitte Dreißig und fragt nach ihrer Identität und welche Nationalität diese hat. Für ihre Freunde, alles weiße Deutsche, ist das klar. Özlem ist Özlem, Deutsche und Türkin, aber eine “von uns”, als sei Türkischsein an sich erstmal etwas Negatives.

Was Özlem schon immer in sich hineingefressen hat und nie nach draußen ließ, eher bis heute an sich selbst riecht und überprüft, ob sie auch ja nicht nach Knoblauch stinkt, was schon immer absurd war, weil ihre Mutter nie mit Knoblauch kochte, was sie also nie nach draußen ließ, bricht jetzt immer mehr hervor. Der Schmerz, den Alltagsrassismus verursacht, die Wut und die Ohnmacht, die ein “Na so habe ich das ja nicht gemeint, wollen Sie mich jetzt Rassistin nennen?” verursacht. Und vor allem das Treten auf Glas im eigenen Freundeskreis.
An einem Wochenende am Meer kommt es zum Streit über die Grundschulen der Kinder, dass man die eine Schule meidet, wegen der Ausländer, aber das gibt keiner zu, sondern weil die andere Schule viel besser ist. Und Özlem ist ja, klar, gar nicht gemeint, sie ist ja eher eine von ihnen.



Dass sich Özlem so gar nicht fühlt und ihr dieses Gefühl auch nicht gegeben wird, weil sie immer wieder auf ihr Türkischsein reduziert wird, ist bei den Freunden nebensächlich. Im Nachgang dieses Wochenendes trifft sich Özlem wieder mit ihren Freundinnen, um den Streit aus der Welt zu schaffen. Eine ihrer Freundinnen meint, dass Özlem sich zu sehr auf ihre Türkischsein fixiert, zu sehr auf das Anderssein, wo sie doch für sie, ihre Freundinnen, einfach nur Özlem ist. Aber “wäre es möglich, das Türkische an mir oder in mir oder wo auch immer es ist, zu behandeln wie ein Merkmal unter vielen, Anstatt mein ganzes Wesen davon durchwachsen zu lassen? Wie denn, wenn alle immer fragen?” (S.136)

Ich bin Özlem lässt die*den Leser*in teilhaben an Özlems Gedankengängen zu Identität, was sie ausmacht, wie wichtig welche Wurzeln sind, und wie wichtig und unwichtig die Meinungen anderer Menschen und ihrer Freunde. Und wie das bei Gedankengängen so ist, ist auch dieser noch lange nicht zu Ende gedacht. Man begleitet Özlem auf den Weg in diesen immer präsenter werdenden Gedanken hinein und ein Stück mit. Was daraus wird, weiß man nicht, aber das muss man auch nicht.

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