Raging Kraken: Warum muss ich mich rechtfertigen?

Raging KrakenWas mich aufregt? Dass ich mich als Veganerin permanent vor fleischessenden Menschen rechtfertigen muss. Ich muss mich rechtfertigen, woher ich meine Proteine, Vitamine und andere Nährstoffe erhalte. Ich muss mich rechtfertigen, warum ich auch Biohaltung scheiße finde. Ich muss mir anhören, dass man ja nur sehr selten Fleisch isst und die Eier immer noch vom Bauern zu Hause bei den Eltern bezieht. Ich muss mich dafür rechtfertigen, Sojaprodukte zu essen, denn meinetwegen wird ja der Regenwald abgeholzt. Ich muss mich dafür rechtfertigen, dass mir das Leben eines Tieres – jeden Tieres – genauso wichtig ist wie das eines Menschen. Ich muss dafür belächeln lassen, dass ich Tiere nicht als Ware, Nahrung oder Bespaßung ansehe. Dass ich sie überhaupt nicht als Objekte ansehe, sondern als Subjekte, als Individuen.
Und ich habe es so satt. Ich muss meine Argumente für die ökologische, ethische, gesundheitliche, Begründung immer wasserdicht auf Lager haben, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wenn ich nicht wasserdicht argumentiere, wird das sofort als Schwäche des kompletten Lebensstils interpretiert, denn wenn man als Veganerin nicht alles Bio kauft, dann kann man es ja auch gleich lassen. Lasse ich keine Lücke in meiner Argumentation, bin ich extrem, verbohrt, militant, und ich müsse ja andere leben lassen wie sie es für richtig halten, und überhaupt habe ich ja den psychischen Aspekt der Ernährung völlig außer Acht gelassen.
Warum muss ich mich dafür rechtfertigen, ein Stück weniger scheiße zur Welt zu sein? Warum muss ich mich dafür rechtfertigen, dass ich einen kleinen Teil dazu beitrage, dass diese Erde – der einzige Planet mit Bier und Schokolade und Star Wars! – etwas weniger verdreckt wird? Warum müssen sich nicht Fleischesser rechtfertigen, dass sie in dieser Gesellschaft noch Fleisch essen, Tierprodukte konsumieren und glauben, dass es cooler ist eine Kuhhaut zu tragen als die künstlich hergestellte Variante?
Liebe Fleischpflanzen!
Warum ich Biohaltung scheiße finde? Weil sie das Gewissen beruhigen soll. 2m² mehr pro Kuh ist immer noch nicht artgerecht, das ist nur die Freiheit, und auch in der Biohaltung werden die Tiere nicht totgestreichelt. Sie sterben immer noch einen gewaltvollen Tod, den ich keinem Lebewesen zumuten möchte. Auch in der Biohaltung pupsen Kühe nun mal, und der Treibgasausstoß der gesamten globalen Viehhaltung ist höher als die globale Verpestung durch Verkehrsmittel (Flugzeuge, Autos, Schiffe, alles). Biohaltung ist für die Tiere unter’m Strich nicht besser als sog. Konventionelle Intensivtierhaltung. Sie leben nicht in Freiheit, männliche Küken werden auch in der Bio-Eierproduktion vergast oder geschreddert, weil sie keine Eier legen. Milchkühen wird auch unter dem Biosiegel das Kalb weggenommen, da es die Milch trinkt, die bitte bald im Supermarkt landen soll.
Du beziehst deine Eier noch von zu Hause und isst nur ganz wenig Fleisch und wenn dann Bio? Oh, Entschuldigung, dann muss ich wohl zu Kreuze kriechen… Nope. Warum Bio doof ist, weißt du jetzt ja ansatzweise. Allerdings frage ich mich, wo die ganzen Biohöfe stehen sollen, von denen sich die Massen im Internet ernähren wollen. Sicher, dass du das grade nicht nur sagst, in der Hoffnung, ich erteile dir doch ein bisschen Absolution? Und du bist einer von Hunderten, die ihre Eier noch „von zu Hause“ bekommen. Da frage ich mich, warum der Absatzmarkt für Eier nicht längst eingebrochen ist…Ernsthaft? Verarsch mich nicht. Ich kenne Leute, die wirklich noch Eier von zu Hause beziehen – wenn sie einmal im Halbjahr ihre Eltern besuchen.
Oh, Soja. Meinetwegen wird der Regenwald abgeholzt. Ganz großes Kino. Ist dir bewusst, dass das Soja für meinen Tofu, Würstchen und Big Steaks gar nicht aus Südamerika kommt, sondern aus Europa? Und dass das Soja, für das die Regenwälder abgeholzt werden, nahezu ausschließlich Futtersoja ist? Also eigentlich für die Kuh und das Schwein bestimmt ist, die DU dann isst? Und nur mal so als spaßigen Vergleich: glaubst Du allen Ernstes, dass ich einen ebenso hohen Sojaverbrauch habe wie ein Kuhmassenstall? Oder auch nur wie eine einzige Kuh?
Und ja, Kühe, Schweine, Hühner, Garnelen, Ziegen, alle Tiere, die Du nur als Nahrung oder Nahrungsproduzenten wahrnimmst (mal so nebenbei: findest du es nicht ekelig, dass man von Eierproduktion spricht? Produzieren Menschen auch Babys?), sind mir ebenso viel wert wie Dein Hund, Nachbars Katze die mich immer anfaucht, und jedes vom Aussterben bedrohtes Tier. Tiere sind keine Ware, sie sind Lebewesen mit einem zentralen Nervensystem, das sie nicht nur die Brise oder den Regen spüren lässt, oder die weiche Schnauze ihrer Kinder, sondern auch den Schmerz, den sie in der Massentierhaltung und im Schlachthaus erleben. Säugetiere bauen zu ihrem Nachwuchs ebenso starke Bindungen auf wie Menschen zu ihrem. Hast du schon mal gesehen, wie sich eine Elefantenkuh freut, wenn sie ihr verloren geglaubtes Baby wiedersieht? Hast du schon mal eine Kuh nach ihrem Neugeborenen schreien hören, das ihr direkt nach der Geburt weggenommen wurde? Was unterscheidet sie von einer menschlichen Mutter? Und warum haben Kühe und Schweine deiner Meinung nach ein geringeres oder auch gar kein Recht auf ein langes Leben als dein Hund oder dein Kaninchen (das andernorts auch im Suppentopf landet)? Erklär es mir, und zwar so, dass ich es verstehe.
Oh, kommt jetzt das Argument mit der Evolution? Von wegen wir haben ja schon immer Fleisch gegessen und wir sind ja Jäger und an der Spitze der Nahrungskette usw.? Also kaufst du im Supermarkt kein (Bio-)Fleisch, sondern erlegst es quasi? Interessante Sichtweise. Du weißt aber schon, dass Menschen Allesfresser und keine reinen Omnivoren sind (und schon immer waren), und Pflanzen für uns sogar wichtiger sind als Fleisch? Ist dir auch bewusst, dass ein Mensch mit einer rein fleischlichen Ernährung sterben würde, aber nicht durch eine rein pflanzliche Ernährung? Und weißt du auch, dass Gesundheitsorganisationen wie die der USA eine rein pflanzliche Ernährung für jedes Alter, Geschlecht und Gesundheitsstatus empfehlen? Das ist auch Evolution.
Ich sage nicht, dass ich perfekt bin. Ich kann mein Konsumverhalten immer noch ständig verbessern, alleine was Kleidung angeht, aber auch Inhaltsstoffe von Lebensmitteln. Aber ich lüge mir nicht in die eigene Tasche, ich versuche nicht, mir mein Konsumverhalten schönzureden mit Argumenten „das war schon immer so“ oder „das ist normal“. Was normal ist, wird von der Mehrheit definiert, und dass die nicht immer richtig liegt, sehen wir an der Unterdrückung von Frauenrechten, Sklavenhaltung, politischer Unterdrückung. Aber ich lasse mir von jemandem, der mit einer derartigen Scheißegal-Haltung durch die Welt geht und lebt, als müsste die Welt nur noch für unsere Generation reichen, meine Einstellung nicht kleinreden, nicht lächerlich machen und schon GAR nicht lasse ich mir von hämisch grinsenden Fleischessern erklären, dass ich ja eigentlich noch viel schlimmer bin als sie.
Ich glaube nicht, dass ich mich Dir gegenüber rechtfertigen muss. Ich versuche, ein bisschen weniger ätzend für meinem Planeten und die Lebewesen, die auf ihm leben, zu leben und zu sein. Erkläre du mir aber bitte, und wieder so, dass ich es verstehe, warum du dich für Fleisch und Tierprodukte entscheidest, und Leid und Qualen und Umweltzerstörung und Krankheiten billigend in Kauf nimmst. Und bitte gib mir etwas mehr als „Es schmeckt halt so gut!“
Cheers,
Der Kraken
PS: Die Argumente sind nicht vollständig und jedes einzelne könnte noch ausführlicher dargestellt werden. Das war aber nicht das Ziel.
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Hier noch etwas weiterführende Literatur:
http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/landwirtschaft/140108_bund_landwirtschaft_fleischatlas_2014.pdf wird jedes Jahr neu veröffentlicht und beinhaltet Artikel zur aktuellen Lage von Fleischkonsum und -produktion
Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen
Jonatan Safran-Foer: Tiere Essen
Ursula Wolf: Texte zur Tierethik

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