Raging Kraken: „Geh doch in deine dunkle Kammer!“

Raging KrakenGestern wurde mein Seminar um einer Viertelstunde nach vorne gelegt, damit die WM-Verehrer es rechtzeitig zum nächsten Fernseher schaffen konnte. Es wurde per Mail gefragt, ob das okay sei, und mir war das relativ wurst. Bei Seminarbeginn fragte die Dozentin, wer denn hier die WM-Begeisterten seien, und es wurden nach und nach einige Hände gehoben. Ein Kommilitone meinte: „Na, wie alle hier!“, worauf ich entgegnete: „Nein, nicht ‚wir alle‘, mir geht die WM hart auf den Sack und mir ist das Deutschlandspiel herzlichst egal.“ „Dann geh doch in deine dunkle Kammer und schließ dich da ein, aber lass uns in Ruhe die WM feiern!“

Guter Mann, ich würde gerne in meine „dunkle Kammer“, a.k.a. meine Wohnung, gehen und die Tür schließen, wenn ich damit die WM ausschließen könnte. Kann ich aber nicht. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Zum einen ist die WM auch zu Hause im eigenen, kleinen Reich omnipräsent. Beim gemütlichen Fernsehabend penetrant vertreten in der Werbung, wenig subtil mit Einblendungen bei Dokumentationen, jeden morgen in den Nachrichten als kurze Notiz, wie es grade um Verletzungen bestellt ist und wie es den Spielern im Lager sonst so ergeht. Im Radio ist es übrigens ähnlich. Über das Internet wollen wir gar nicht erst reden. Der Facebook-Feed explodiert mit Artikeln zur WM, je nach Freundeskreis mit mehr kritischen Beiträgen oder ungehemmter Feierei/Meckerei, Google hat seit Beginn der WM gefühlt täglich ein anderes Gimmick am Laufen, und man muss schon fast dankbar sein, dass Youtube keine IP-generierten Banner in den jeweiligen Nationalfarben hisst. Auch auf großen Nachrichtenplattformen wie Spiegel Online, FAZ und Die Zeit gibt es einen Schnelllink zur großen WM-Welt – allerdings nur als dezentes Banner, Gott sei Dank. Also doch der Griff zum Buch, der mir in der Regel eh viel lieber ist, aber nur, wenn ich ihn bewusst wähle, nicht, weil es meine einzige Möglichkeit ist.
Aber ob ich dann der WM entfliehen kann? Schwierig. Zum einen ist da das Fifa-Fanfest, das nur knapp 300m von meiner Wohnung entfernt ist. Durch die breiten Straßen in der Gegend, den Park und das Fehlen hoher Häuser wird jeder Torjubel, insbesondere auch der von gestern, bis in mein Wohnzimmer getragen. Zum anderen ist gegenüber ein kolumbianisches Restaurant, und die eingefleischten Fans feiern, gröhlen, behupen den Sieg „ihrer“ Mannschaft bis spät in die Nacht. Blöd, wer am nächsten Tag früh zur Arbeit oder Uni muss. „Dann zieh nicht in diese Gegend, wenn du feiernde Leute nicht magst!“ Nun, zum einen wohne ich nicht auf der Reeperbahn (dessen Feierei jedes Wochenende mich nicht im Geringsten stört, und die Partymeute erlebe ich regelmäßig, wenn ich bei meinem Freund bin). Außerdem frage ich mich, ob ich meine Bürgerrechte tatsächlich mit den Umzug in ein bestimmtes Stadtviertel abgebe. Auch wenn ich zentral wohne heißt das nicht, dass ich damit mein Recht auf Ruhe verwirke, mein Recht, der WM in meiner Wohnung Hausverbot zu erteilen. Dieses Recht wird, ganz kanuserig gesagt, eingeschränkt durch die „Persönlichkeitsentfaltung“ der U-Boot-Fußballfans, die alle zwei Jahre aus den Boden sprießen wie Fliegen aus einer Leiche, und alles und jeden Dauerbeschallen bis in die tiefsten Keller. Setze ich auch nur einen Fuß vor die Tür, ich kann der WM nicht mehr entkommen. Bleibe ich zu Hause, ist es besser, aber auch nicht so, wie ich es mir vorstelle.

Und was ist das überhaupt für ein Argument, „dann bleib doch zu Hause!“? Ich werde wie ein bockiges Kind auf mein Zimmer geschickt, weil ich nicht mitfeiern und von der nötigenden Feierei der anderen bitte in Ruhe gelassen werden will? Weil draußen ein Ausnahmezustand herrscht, den ich nicht nachvollziehen kann und an dem ich nicht teilhaben will, muss ich mir selbst Hausarrest auferlegen oder es über mich ergehen lassen, damit die anderen in ihrem neu erwachten Partystolz nicht gestört und gekränkt werden? Ernsthaft?

Fickt euch und eure scheiß WM. Ich will wenigstens meine Wohnung zurück, in die ihr mich auf Zimmerarrest schickt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.