[Federlesen] Wie realistisch ist die Gesellschaft in Die Reise von Marina Lostetter?

Achtung, der Artikel enthält Spoiler!

Blogtouren mache ich nur recht selten mit. Als Anabelle von Stehlblüten mich allerdings fragte, ob ich zu Die Reise von Marina Lostetter eine Blogtour mitgestalten möchte, z.B. zum gesellschaftlichen Aspekt, war ich Feuer und Flamme.

In Science Fiction Romanen ist ein Aspekt immer besonders spannend: wie sieht die menschliche Gesellschaft der Zukunft aus? In der Regel gehen die Konzepte ziemlich deutlich entweder in eine utopische oder dystopische Richtung, seltener ist eine Art Balance, wie wir sie von heute kennen: mal gut, mal schlecht, aber möglichst gerecht – zumindest, wenn man in einer Demokratie lebt.

Wie sieht die Gesellschaft in Die Reise von Marina Lostetter aus? Utopie? Dystopie? Mischung aus beidem?

Ausgangsposition in Die Reise

Das Konsortium, dass den Konvoi Noumenon plant, macht sich sehr genaue Gedanken darüber, wie viele Menschen mitfliegen müssen, wie sie beschaffen sein und welche Regeln gelten müssen, damit die Mission erfolgreich ist, und damit sich diese künstliche Gesellschaft nicht selbst eliminiert.

In der Vorbereitungsphase, die selbst einige Jahrzehnte in Anspruch nimmt, wird festgelegt, dass eine Million Menschen auf die Reise zu dem zu erforschenden Objekt geschickt werden. Diese Anzahl ist wichtig, um eine Gesellschaft realitätstreu und quasi natürlich simulieren zu können, und die auch „Abweichler“ einfach durch sozialen Druck auf Linie halten können. Revolten z.B., die in der Geschichte der Menschheit zu politischen Umstürzen geführt haben, sollen so verhindert werden, denn eine Rebellion wäre eine ernstzunehmende Gefahr.

Da die Ressourcen im Konvoi zwar sehr geschickt und mit neuester Technologie immer wieder erneuert werden, sie aber insgesamt dennoch auf das Gramm genau berechnet werden, darf die Bevölkerungszahl auf keinen Fall schwanken (Zum wissenschaftlichen Faktencheck geht es hier zu Anna). Es dürfen weder zu wenige Menschen leben, da sonst die unterschiedlichsten Aufgaben nicht mehr bewältigt werden können und die Mission in Gefahr gerät. Es dürfen aber auch nicht zu viele Menschen leben, da sonst die Ressourcen nicht mehr ausreichen.

Die Lösung hierfür sind Hormonbeigaben zum Essen, mit deren Hilfe natürliche Geburten unterbunden werden. Als einmal der Verdacht einer natürlichen Schwangerschaft auftritt, sorgt das für einen kleinen Panikmoment auf dem Medizinschiff. Statt natürlicher Geburten werden die Menschen geklont, immer aus dem Genmaterial des „Originals“.

Auf die Reise werden ausschließlich Klone geschickt, da sie auf der Erde keine Verbindungen haben, bzw. die Verbindungen, die vorhanden sind, sind zu anderen Klonen. Die Idee dahinter ist, dass sie nichts vermissen werden was mit der Erde in Verbindung steht, und so auch nicht in Depressionen verfallen können.

Die politische Organisation ist eine Art totalitäre Demokratie.

Es kann zwar jeder in die Regierung gewählt werden, aber es gibt auch ständige Mitglieder, die grundsätzlich in der Regierung sind. Z.B. die Kapitäne der Schiffe, der oberste Kommunikationsoffizier, etc.

Wie entwickelt sich die Gesellschaft der Noumenon?

Die Gruppe Wissenschaftler, die die Mission geplant haben, berechneten nicht nur die Ressourcen, sondern auch Gesellschaftsprognosen mit über 500.000 Variablen. So sollten Selbstmorde zwar vorkommen, weil es einfach zu einer Gesellschaft dazu gehört, jedoch erst sehr viel später. Allerdings sind frühe Selbstmorde, die nicht im Gesellschaftsplan stehen, der Auslöser dafür, dass die Noumenon Gesellschaft sich von einer noch sehr individualistisch geprägten Gesellschaft zu einer entwickelt, die das Gemeinwohl über alles stellt, auch über die Bedürfnisse des oder der Einzelnen. Die Mission durch Egoismus zu verraten wird innerhalb weniger Jahre so in die Gesellschaft integriert, dass es Hochverrat gleichkommt, es ist die schlimmste Form der Rebellion, ein Verrat an allem, wofür Noumenon steht.

Es entstehen erste Züge einer totalitären Gesellschaft, die abweichende Individualisten als Störfaktoren sieht.

Interessanter Weise habe ich mich vor kurzem mit einer Freundin über Gesellschaftskonzepte unterhalten, die für so ein Unterfangen nötig wären. Sie meinte ohne Umschweife, dass Totalitarismus das einzige ist, das funktionieren würde, wenn jedes einzelne Mitglied eine wichtige Aufgabe innerhalb der Mission übernimmt. Demokratie, Demonstrationen und Revolutionen könnte man sich innerhalb der kleinen Gemeinschaft im lebensfeindlichen Umfeld des Weltalls einfach nicht leisten, sie wären eine zu große Gefahr und könnten zum Scheitern der Mission und zum Tode aller führen.

Ich fand diesen Ansatz sehr interessant, denn auch Lostetter geht in ihrem Buch immer mehr in diese Richtung, auch wenn sie es sehr viel netter verpackt.

Nicht nur die Geburten auf Noumenon sind genauestens geplant, auch die Tode sind es. Eines Tages erhält man eine Nachricht, dass man demnächst „ausscheidet“. Persönliche Befindlichkeit, Gesundheit und andere Aspekte sind dabei völlig irrelevant, für das große Ganze muss jeder zu vorgesehenen Punkt aus dem Leben scheiden, um die Ressourcen zu schonen. Genau das sorgt dafür, dass ein kleiner Junge, der später für die KI K.I.C. zuständig sein wird, ein Trauma erleidet, dass er nie verwinden wird. Seine wichtigste Bezugsperson muss ausscheiden, egal, was er darüber denkt. Er kann es nicht verhindern, keiner will ihm helfen oder auch nur zuhören.

Aus diesem Trauma erwächst ein Rachewunsch, der später zur Revolte führt. Diese kann zwar niedergeschlagen und der Konvoi wie auch die Gesellschaft gerettet werden. Allerdings sind das Vorkommnisse, die so nicht von den Planern vorgesehen waren.

Die Regierung von Noumenon reagiert nachvollziehbar: die Genlinien der Anführer der Revolte sollen nicht reproduziert werden, da man nicht sagen kann, ob ein Hang zur Rebellion eventuell genetisch veranlagt ist. Später werden diese neuen Richtlinien ausgeweitet. Wer schwer krank wird, egal ob physisch oder psychisch, und somit die Arbeitsabläufe stört, gilt als minderwertiges Genmaterial und die Linie wird eingestellt. Wer Selbstmord begeht, tötet nicht nur sich selbst, sondern automatisch auch die Genlinie, da auch das als abweichendes, minderwertiges Verhalten gilt.

Ist diese Form der Gesellschaft und ihrer Entwicklung realistisch?

Gesellschaften haben schon immer mit rigoroseren Maßnahmen reagiert, wenn sie sich in Gefahr wähnte. Dass sowas auch in einem Fanatismus enden kann, der mit Menschenrechten nichts mehr zu tun hat, wissen wir aus der jüngsten Geschichte. Die Idee des minderwertigen Lebens haben die Nazis in den 1930ern und 40ern deutlich auf die Spitze getrieben, aber auch heute noch gibt es vor allem religiös geprägte Strömungen, die z.B. Menschen aus dem LGBTQ* Spektrum als minderwertig und krank bezeichnen [sic!], Menschen anderer Religionen sind mindestens auf dem falschen Weg, und über Rassismus und andere Diskriminierungsformen müssen wir uns nicht unterhalten.

Dass in den Gesellschaftsberechnungen der Noumenon einige wichtige, aber nur schwer berechenbare Elemente nicht wirklich berücksichtigt wurden, führt immer wieder dazu, dass sich diese Gesellschaft neue Wege überlegen muss. So wurde von Beginn an unterschätzt, dass auch Klone die Erde vermissen werden, da sie dort die ersten Jahre ihres Lebens verbracht haben, und dass diese Sehnsucht nach dem Ursprung, gerade in der schwarzen Leere des Weltraums, sich deutlich verstärken kann. Die KI erkennt an einer Stelle ganz richtig „Die [geklonten] Menschen bekamen durch ihre Erfahrungen ein ganz neues Wesen.“ Auch wenn jedes Mitglied dem gleichen Genmaterial entspringt wie di*er Vorgänger*in, sind es doch unterschiedliche Menschen, da für den Charakter und Wesenszüge einfach mehr verantwortlich ist als bloße Zellen. Dem wird in Die Reise Rechnung getragen, und die Mission steht ein ums andere Mal auf der Kippe.

Diese leisen Beobachtungen der Eigenarten von Menschen an sich sind es, die die Gesellschaftsform und ihre Entwicklungen während der Reise so realistisch machen. Der Drang des Menschen nach Individualität und Freiheit, nach Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch der Herdentrieb und Gruppenzwang, die Sehnsucht nach Frieden und die Abneigung gegen gewalttätige Konflikte arbeitet Marina Lostetter ausgezeichnet in ihre Geschichte ein.


Weitere Stationen der Blogtour

Anabelle fragt sich, wie weit Forschung gehen darf
Saskia schreibt über Künstliche Intelligenz und Emotionen
Bei Anna gibt es den Faktencheck zu den SciFi Elementen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.