[Rezension] Liza Grimm – Die Götter von Asgard

Titel: Die Götter von AsgardAutorin: Liza Grimm | Verlag: Dromer Knaur | ISBN: 978-3-426-52252-3

Worum geht’s?

Ray hat gerade das nächste Studium nach wenigen Semestern versemmelt, und fühlt sich wie die größte Enttäuschung ihrer Familie. An der Isar will sie den Kopf klar bekommen und trifft dort auf Kára, der sie ihr Leid klagt. Sie versteht sich so gut mit ihr, dass sie ihr spontan nach Berlin folgt. Was Ray nicht weiß: sie ist eine Heldin, bzw. soll eine werden, was die Götter Asgards verhindern wollen, weil das laut einer Prophezeiung ihren Untergang bedeutet. Kàra ist eine Walkyre und will sie vor den wildgewordenen Göttern beschützen, aber mal ehrlich: wer glaubt schon an so einen Marvel-Mist? Ray haut ab und läuft erst Loki, dann Tyr in die Arme und ist schneller mitten im Geschehen als ihr lieb ist. Wird sie wirklich eine Heldin?

Spoiler-Alert

Ich bin in dieser Rezension leider nicht ohne Spoiler ausgekommen, insofern: seid gewarnt!

Wie war’s?

Vorweg: Die Götter von Asgard wird nicht mein Lieblingsfantasybuch. Aber es hat größtenteils Spaß gemacht zu lesen, und alleine Liza Grimms Thor hat einen Spin-Off verdient (das ist kein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern mit dem ganzen verdammten Zaun).

Ich habe diesem Buch entgegengefiebert seit es in Frankfurt vorgestellt wurde. Jede Menge Loki? Klingt nicht schlecht. Es ist allerdings ein Fehler, das Buch für “Fans von Marvel” zu bewerben, denn im Gegensatz zu Marvel hält sich Liza Grimm deutlich mehr an die alten Vorlagen der nordischen Mythen, und die haben mit Marvel oft nur noch die Namen gemein.

Die Götter

Loki ist wirklich der Gott der Listen, der nur seinen eigenen Spaß im Sinn hat und sich dadurch verhält wie der letzte Arsch.
Frygga ist in den zwei Szenen, in denen sie auftaucht, nicht die liebende Mutter sondern verdammt eifersüchtig und hasst Thor.
Thor ist dafür der muskelbepackte Trottel mit Vaterkomplex, der alles tut, um Odin zu beeindrucken. Zumindest, bis seine große Liebe vorbei rennt, dann gibt’s auch schon mal Versöhnungssex, während Ray ihren Endkampf hat und Tyr einfach ausbüxt. Aber hey, wenn die Götterwelt schon untergehen soll, dann wenigstens mit Spaß dabei.
Über Tyr wusste ich nichts außer dass er der Gott des Krieges ist und Wardruna einen Song nach ihm benannt haben. Vielleicht habe ich deswegen auch das Gefühl, dass er völlig austauschbar ist, denn außer, dass er Ray ab und an anguckt wie ein verliebter Gockel und sie es nicht merkt, hat er ungefähr so viel Tiefgang wie eine Quietscheente.
Odin ist übrigens eine Art Pantoffelheld, der vor allem seine Ruhe haben will. Ein Mensch muss sterben, damit die Götter weiterleben können? Schickt er eben einen seiner Söhne für diese niedere Aufgabe (bloß nicht Thor, sonst hängt der Haussegen mit Frygga wieder schief). Oh, wir sind doch nicht gestorben? Cool, macht was ihr wollt, wo ist mein Met?
Kára kennt man zwar nicht aus der Mythologie, aber als Walkyre ist sie dennoch ein Begriff. Und die Frau haut gut was raus: Widersetzt sich Odin, macht Thor rund wie einen Buslenker und steht jederzeit zu Ray, ihrer neuen besten Freundin. Hat ein bisschen was von 16-Jährigem Teenager, der sich gegen den Willen der Eltern die Lippe piercen lässt.

So unterhaltsam die einzelnen Charaktere Asgards auch sind, eine wirkliche Entwicklung macht keiner von denen durch, und irgendwie wirken sie ziemlich platt, bleiben sie doch alle in ihrem Stempel stecken.
Odin: will hauptsächlich seine Ruhe und keine Scherereien
Loki: Baut ständig scheiße und ist das Arschloch vom Dienst
Tyr: Schönling und Loveinterest, hätte aber auch jeder andere sein können
Thor: schwerverliebter Muskelhannes
Kára: trotziger Teenager

Wie man merkt haben diese Götter nichts mit den Marveldarstellungen zu tun, was andernorts schon für Kritik gesorgt hat. Ich fand es großartig, dass Grimm sich mehr an die Vorlagen gehalten hat, ich brauche nicht noch einen Marvelabklatsch. Übrigens: so viel Loki kommt auch nicht vor…

Die Protagonistin

Mit der Protagonistin und angehenden Heldin Ray bin ich überhaupt nicht warm geworden. Ihr anfänglich naives Verhalten, das sie Kára nach Berlin folgen lässt, wird schnell mit Káras Magie erklärt. Allerdings hat Ray mir auf der Erde ein etwas zu enges Verhältnis zu Alkohol. Sie fällt durch die Prüfung? Erstmal Kamillentee mit Rum. Kára hat ihr gerade eine wilde Story erzählt, die sie eh nicht glaubt? Jetzt weiß sie „tief in ihrem Herzen…, dass sie den Alkohol zum vergessen“ braucht (S. 65). Das ist nie eine gute Voraussetzung, eine Buddel Schnaps aufzumachen, aber was weiß ich schon. Sobald sie Midgard allerdings verlässt und in Asgard, Svartalfheim und Niflheim deutlich aufwühlendere Situationen durchlebt, denkt sie nicht einmal an seliges Alkoholvergessen.
Ein anderer Punkt sind Rays permanente Selbstzweifel. Natürlich überwindet man nicht jahrelange Demütigungen und Zurückweisungen, nur weil man aus Odins Palast entkommt ist und einen Nachtmahr um die Ecke gebracht hat. Soweit ist alles absolut nachvollziehbar. Trotzdem zog sich Rays Entwicklung ziemlich hin, um dann auf den letzten 50 Seiten mehr oder weniger der Leserin ins Gesicht zu explodieren. Loki und eine mordlüsterne Hexe überlisten? Kleinigkeit. Höllenhund vor Göttern verteidigen? Null problemo, inklusive Moralapostelrede. Den nordischen Kriegsgott trotz knallpinker Herzen in den Augen anmeckern, dass er ihr nichts zutraut? Während sie irgendwo im Palast der Riesen hocken, weil sie einen davon umschubsen müssen? Nichts leichter als das. Unsicherheit und Selbstzweifel? Nicht mehr mit Ray.

Die Welten und ihre Bewohner

Asgard und Niflheim blieben etwas blass, aber Svartalfheim war richtig spannend. Der Kampf mit dem Nachtmar zeigte ein spannendes Wesen, das gerne in Folgebänden auftauchen darf. Ein bisschen verknallt habe ich mich in die Zwerge. Ich finde dieses Volk nicht erst seit der Verfilmungen von Der Herr der Ringe spannend, und ich war ein bisschen traurig, dass der Besuch der Protagonisten eher einer Stippvisite glich. Runen- und Erdmagie? Richtige Könner in der Waffenkunst? Count me in. Auch den Hexen, die in absoluter Dunkelheit lebten, in der im Grunde das absolute Nichts herrscht, hätte ich mehr Seiten gegönnt – was dann allerdings von Hauptplot abgelenkt hätte. Man kann nicht alles haben.
Man sieht, alleine Svartalfheim bietet genügend Stoff für mehr Bücher, die in dieser Welt spielen.

Der Rest

Der Schreibstil war angenehm flüssig, man kam schnell in die Story rein und das Buch las sich im Grunde weg wie Pizza: mit einem Haps war alles weg.
Erheiternd war die Selbstironie, die Grimm manchmal einfließen lies („Als ob sie sofort auf die Stichwörter Auserwählte und Prophezeiung anspringen würde wie die Helden aus kitschigen Jugend-Fantasy-Romanen.“, S. 64). Manchmal implodierte zwar mein persönlicher Kitschfilter (“Sie war Zornig auf die Narben in ihrem Herzen”, S. 134 – srsly?; oder auch die Stelle, als Thor auf Mjölnir seinen Treuschwur leistet, die war mir zu schmalzig), dafür gab es auch einige sehr schöne Bilder (“…Ray glaubte, die Bäume tief einatmen zu hören, als bereiteten sie sich auf ein Geheimnis vor, das niemals ausgesprochen werden sollte“, S. 127).
Aber wie die Autorin sagte: “Wenn ich mit 23 schon das beste aller Bücher geschrieben hätte, wäre meine Zukunft echt traurig und ereignislos.” Vieles ist also schlicht Erfahrung und Entwicklungssache, und ich bin gespannt wo das bei Liza Grimm hinführt (nochmal: Thor Spin-Off *Zaunpfahl*).

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