[Federlesen] Der Tod im Märchen

Kupferstatue mit Sanduhr im Wald
Quelle: pixabay

Märchen können gruselig sein. Böse Stiefmütter, Hexen, riesige Hunde und andere Gestalten treiben ihr unwesen, manchmal ist sogar der Teufel höchst persönlich mit von der Partie. Neben diesen Gruselfiguren gibt es aber auch etwas sehr elementares, das Menschen durchaus in Angst und Schrecken versetzt: der Tod und das Sterben.

Gevatter Tod

Quelle: Wikicommons

Der Tod tritt in manchen Märchen personifiziert auf, z.B. in Gevatter Tod und Der Tod im Pflaumenbaum, und spielt in der Regel immer eine elementare Rolle. Im Gegensatz zum Teufel, dem in Märchen der Schrecken genommen wird indem er regelmäßig überlistet wird, versagt dieser Optimismus beim Tod, er wird im Märchen sehr ernst genommen1 . Die Ernsthaftigkeit wird auch dadurch unterstrichen, dass der Tod nie der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Schafft man es ihn zu überlisten ist der Erfolg nur von kurzer Dauer, und die Strafe bzw. der eigene Tod folgt kurz darauf. Im Gegensatz zum Teufel, den man auch mal straffrei auf die Schippe nehmen kann, ist der Tod selbst unausweichlich, er steht ausnahmslos am Ende des Lebens.

Der Tod als Person ist in den Märchen in der Regel aber immer fair bzw. gerecht. In Gevatter Tod sagt der Vater des späteren Patenkindes zum Tod „Du holst die Reichen und die Armen ohne Unterschied”, er gilt dem Vater gerechter als Gott und Teufel.

Sterben

Viel häufiger noch als die Personifikation des Todes kommen Sterben und tot sein als Zustand vor. Am Anfang vieler Märchen ist bereits ein Elternteil tot (meistens die Mutter), und die auch die Schlussformeln „…und wenn sie nicht gestorben sind…” sowie „und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende” sind wohl bekannt.

Zeichnung von Schneewittchen im Sarg
Schneewittchen erwacht wieder zum Leben; Quelle: Wikicommons

Schmidt schreibt in seinem Essay Der Tod im Märchen, dass die Protagonisten im Märchen selbst nie sterben, und dass ihr Tod nur durch diese Schlussformeln angedeutet wird2. Es gibt tatsächlich nur wenige Ausnahmen in unbekannteren Märchen, z.B. in Das eigensinnige Kind oder in Der Gevatter Tod, wo der Arzt, das Patenkind des Todes, neben dem Tod durchaus als Protagonist gelten kann. In der überwältigenden Mehrheit der Märchen ist der Tod eines Protagonisten jedoch nur vorübergehend. Schneewittchen fiel „tot zur Erde nieder“ nachdem sie vom Apfel abgebissen hatte, in Brüderchen und Schwesterchen kommt die Königin „durch Gottes Gnade“ wieder ins Leben und Rotkäppchen wie auch die Sieben Geißlein überstehen ihre Zeit im Magen des Wolfs unbeschadet.
Warum aber ist der Tod bei den Protagonisten nie endgültig? Laut Rölleke ist der Tod im Märchen gleichbedeutend mit Wandel3, es kann auch als Rite of Passage, also Teil des Erwachsenwerdens verstanden werden. Schneewittchen ist am Anfang des Märchens ein junges Mädchen, das zu den Sieben Zwergen findet. Nach ihrem Tod und Wiederkehr ins Leben wird sie Königin, eine Position, die sehr viel mehr Verantwortung mit sich bringt. Trotzdem passt diese Interpretation nicht überall. Die Königin in Brüderchen und Schwesterchen ist bereits Königin und Mutter eines Säuglings. Nachdem sie wieder am Leben ist werden zwar ihre Stiefmutter und deren Tochter hingerichtet, der einzige Wandel, der Stattfindet ist aber die Rückverwandlung des Brüderchens vom Reh in einen Menschen. Es ist eher einer Wiederherstellung.

Engültigkeit

Endgültig ist der Tod in den Grimmschen Märchen nur für die Antagonisten und „Bösen“. Und dieser Tod kann ziemlich brutal ausfallen. Die Hexe in Hänsel und Gretel wird bei lebendigem Leib verbrannt; die falsche Prinzessin in Die Gänsemagd wird in einem mit Nägeln beschlagenem Fass zu Tode geschleift; Die Krähen im gleichnamigen Märchen hackten zwei betrügerischen Soldaten erst die Augen aus und nagten sie dann bis auf die Skelette ab.
Für Kinder ist der Tod der Bösen wichtig, damit „für das hörende Kind das Bedrohliche endgültig eliminiert wird und die Welt wieder ihre gute, verlässliche Ordnung hat.“4

Während die Aussage, die Protagonisten würden im Märchen nie sterben, für die Grimmschen Märchen weitestgehend zutrifft, gilt für die Märchen von Hans Christian Andersen fast das dramatische Gegenteil. Die kleine Meerjungfrau, das Mädchen mit den Schwefelhölzern, der standhafte Zinnsoldat… sie alle sterben am Ende, also noch während des Märchens und nicht erst in der diffusen Zeit danach. Gerade bei Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, das in der Kälte erfriert, ist das eine gehörige Portion Realismus, die sich auf einmal in die Zauberwelt der Märchen Einzug erhält. Protagonisten sind nicht unsterblich, der Tod kann ihnen sehr wohl etwas anhaben, und er ist endgültig. Kein Kuss, keine Worte der Liebe können sie wieder zum Leben erwecken.

Kann oder soll man Kindern denn überhaupt noch Märchen vorlesen, in denen der Tod vorkommt? Das muss man selbst entscheiden, und auch, ob man den Märchen zumindest den ganz kleinen Kindern gegenüber eine gewaltfreiere Fassung wählt. Allerdings geht damit auch ein Teil des Märchens verloren, der Kindern helfen kann, die Welt einzuordnen: „Man könnte argumentieren, dass die bereinigten Versionen, die wir heute haben, sich eigentlich kontraproduktiv zum ursprünglichen Sinn der Märchen verhalten: Dass Kinder sich in Sicherheit ihren dunkelsten Ängsten stellen können“ 5, denn „nicht Märchen sind grausam, sondern spiegeln eine grausame Wirklichkeit.“6

Tod und Sterben sind nie schön, gehören zum Leben aber dazu. Auch wenn Sterbeprozess und Trauer im Märchen völlig übergangen werden, zeigt vor allem ein Tod am Anfang des Märchens, dass das Leben danach weitergeht. Der Tod eines Menschen bedeutet nicht auch das Ende des Lebens für andere.

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1 vgl. Winfried Freund, Schnellkurs Märchen, S. 107.
2 vgl. Hans Jochim Schmidt, Der Tod im Märchen, in: Neumann/Schmitt (Hrsg.): Sichtweisen der Märchenforschung, S. 109.
3 Heinz Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm. Quellen und Studien, S. 253.
4 Schmidt, S. 109.
5 Spencer Reid, Criminal Minds, 10.6.
6 Bernd Wollenweber: Thesen zum Märchen, in: Arbeitestexte für den Unterricht. Märchenanalysen, Reclam, S. 62.

4 Kommentare zu „[Federlesen] Der Tod im Märchen“

  1. Hallo!
    Ein toller Bericht, hab ich mit sehr großem Interesse gelesen. Ich denke, Kinder sollten ab einem gewissen Alter, in dem sie es verstehen, durchaus mit dem Tod konfrontiert werden, auf der guten sowie auf der bösen Seite. Denn wie sollen sie lernen, dass alles im Leben sterblich ist und somit Respekt vor dem Leben haben, wenn sie in dem Glauben aufwachsen, dass niemals etwas geschehen könnte?

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Ahoi!

      Ich hatte als Kind auch nie Probleme mit dem Tod im Märchen, im Gegenteil: ich mochte als Kind schon Gruselgeschichten und fand die brutalen Todesarten eher spannend als verstörend. Aber vielleicht hatte auch auch schon als Kind meinen Knacks weg 😀
      Und genau um das, was du schreibst, geht es: In einem Geschichtenraum lernen, dass auch nicht so schöne Dinge passieren können.

      Cheerio
      Mareike

  2. Hallo,
    ein sehr interessanter Beitrag. Ich denke, auch öfters darüber nach, ob ich meinem Krümel (er ist zwei) schon die ungeschönteren Märchen vorlesen kann. Natürlich versuchen wir in seinem Alter noch, die ganz brutalen Szenen zu vermeiden, aber in dem Kindermärchenbuch (Grimmsche Märchen sind das) das wir haben, sind die Märchen schon nah am Originalen.
    Die Andersen Märchen werden aber wahrscheinlich erst später kommen, wobei ich schon kein Verfechter von Verschönerungen bin. Denn leider gibt es in unserer Welt den Tod und irgendwann muss auch ein Kind damit konfrontiert werden.
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

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